Wirtschaft : Kurswechsel in der Landwirtschaft: Fleischindustrie setzt sich zur Wehr

chi/dro

Die deutsche Fleischwirtschaft hat an die Politik in Bund und Ländern appelliert, sich möglichst schnell auf ein einheitliches Vorgehen in Sachen BSE zu einigen. "Die zersplitterten Zuständigkeiten und Fehler der Krisenbewältigung in den vergangenen Wochen belasten die Unternehmen noch zusätzlich zum Markteinbruch", sagte der Vorsitzende des Verbandes der Fleischwirtschaft Manfred Härtl, am Freitag auf der Grünen Woche in Berlin. Die uneinheitlichen Regelungen im Zusammenhang mit den BSE-Tests, die Unsicherheiten bei der Durchführung des Tiermehlverbots und die noch ungeklärten Fragen der Finanzierung und möglichen Hilfen seien eine enorme Belastung für die Unternehmen, die "durch ein koordiniertes und gezieltes Vorgehen der Bundes- und Landesbehörden" schon längst hätten aus dem Weg geräumt werden können. Hier bestehe "dringender Handlungsbedarf", denn alle Kräfte müssten nun darauf konzentriert werden, das Vertrauen der Verbraucher zurück zu gewinnen, sagte Härtl. "Sonst ist alles verloren."

Nach Angaben des Verbandschef befinden sich die Unternehmen der Branche in einer "existenzbedrohenden Lage". Der Rindfleischabsatz sei im Inland um 80 Prozent zurückgegangen, der Export in Drittländer fast vollständig zum Erliegen gekommen. Insgesamt lägen die Preise heute um ein Viertel unter dem früheren Niveau. Fast alle Unternehmen hätten Kurzarbeit angemeldet, bis zu 10 000 der insgesamt 75 000 Arbeitsplätze seien bedroht, sollte der Zustand noch einige Monate anhalten.

Härtl mahnte Überbrückungshilfen der Bundesregierung an. Die Unternehmen seien "von der BSE-Krise überrollt" und "unverschuldet" in eine existenzbedrohende Lage geraten. Vorwürfe, einige Schlacht- und fleischverarbeitende Betriebe hätten wissentlich Risikomaterial verwendet, wies er zurück. Es gebe strenge Kontrollen, "wir haben uns an die Vorschriften gehalten", betonte er.

Um das Vertrauen der Verbraucher zurückzugewinnen, setzt der Verband nun auf ein neues Prüfsiegel für das gesamte Fleischangebot. Ein entsprechendes Konzept einer "kontrollierten und dokumentierten Fleischproduktion vom Landwirt bis zur Ladentheke" sei in den vergangen zwei Jahren entwickelt worden. Jede Produktionsstufe müsse sich dabei an Qualitätsstandards halten, die vorgegeben werden, es gebe "Kontrollen und übergeordnete Kontrollen". Die Branche hoffe, dass das Siegel die Unterstützung der Bundesregierung finde, sagte Härtl. Mehrere parallele Signets "würden nur die Verbraucher verwirren", warnte er.

Auch die Ökoverbände reagierten am Freitag zurückhaltend auf die Ankündigung von Landwirtschaftsministerin Renate Künast (Bündnis 90/Die Grünen), zusätzlich staatliche Gütesiegel einzuführen. "Mit einem neuen Prüfzeichen ist dem Verbraucher nicht gedient", sagte Michael Vogt von der Centrale Marketing-Gesellschaft (CMA). Er plädierte für ein gemeinsames Vorgehen mit dem Bundesministerium: "Schließlich kann Frau Künast von unserer bisherigen Arbeit profitieren". Das schon vorhandene Öko-Prüfzeichen könne zusätzlich staatlich legitimiert werden.

Die Arbeitsgemeinschaft Ökologischer Landbau (AGÖL) hatte bereits 1999 zusammen mit der CMA ein einheitliches Siegel für ökologisch erzeugte Produkte eingeführt, das Öko-Prüfzeichen (ÖPZ). "Allerdings ist der Erfolg nicht in dem Maße eingetreten, wie wir erwartet haben", räumte Heide-Dörthe Matthes von der AGÖL ein. Bis heute hätten sich Lebensmittelwirtschaft und Lebensmitteleinzelhandel nicht zu einer konsequenten Verwendung auf die Produkte einigen können. So haben gerade einmal 74 Unternehmen einen Vertrag zur Nutzung des Öko-Prüfsiegels abgeschlossen. Schätzungen zufolge gibt es aber hier zu Lande rund 8000 landwirtschaftliche Betriebe sowie 2000 Verarbeitungsfirmen, die für das ÖPZ in Frage kommen. Deshalb forderte Matthes, zehn Prozent der von Ministerin Künast geplanten 500 Millionen Mark zur Förderung des ökologischen Landbaus für Marketingzwecke einzusetzen.

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