Wirtschaft : Kurt Dahmann

Geb. 1915

Anne Jelena Schulte

Er war ungehorsam, ein Rebell. Er war Aero-Philatelist. Aero-Philatelie. Ein Zauberwort. Man muss es nur oft genug vor sich hinmurmeln, schon fühlt man sich leicht und beschwingt. Womit wir bei Kurt Dahmann wären. Ein Freigeist, ein Rebell. Ein Aero-Philatelist.

Sein mangelnder Respekt vor dem Gesetz mag damit zu begründen sein, dass die Familie ihre Wohnung direkt im Gerichtsgebäude hatte. Kurt Dahmanns höchstes Ansinnen als Jugendlicher war es, den Säulen und den Robenträgern so bald wie möglich zu entkommen.

Zum Schrecken der Familie verkündete er deshalb, dass er keinesfalls wie sein Vater Richter werden wolle. Er brauche Geld. Und zwar sofort. Sprach’s, verließ die Schule und machte eine Lehre bei Karstadt. Doch auch er konnte der Geschichte vom Apfel und vom Stamm nicht entrinnen.

Sein Vater war nämlich nicht nur Richter, sondern auch ein angesehener Briefmarkensammler – ach was: Philatelist. Nicht kindliche Liebe zu bunten Bildchen ist es, die die Philatelisten treibt, sondern ernster Ordnungs- und Forschergeist. In Fachzeitschriften veröffentlichte der Vater wissenschaftliche Arbeiten zu seinen Sammlungen, etwa: „Deutsch-Südwestafrika und seine Feldpost aus der Zeit der Hereroaufstände.“

Afrika. Das klang schon besser als die Paragraphen und, zugegeben, auch als Karstadt. Kurt Dahmann begann, sich mit Luftpost zu beschäftigen, der Aero-Philatelie. Damit konnte er in den gediegenen Philatelistenkreisen des Vaters seiner Rolle als Rebell treu bleiben. Weil er kein Geld für große Investitionen hatte, sammelte er Air-Mail-Aufkleber, die es damals in den verschiedensten Farben und Formaten gab.

Mit 17 Jahren gab er zum ersten Mal seine eigene Zeitschrift heraus, die „Luftpost“: selbst geschrieben, vervielfältigt und geheftet. Es dauerte nicht lange, und er hatte weltweit einen festen Kundenstamm, der auf jedes neue Exemplar wartete. Schließlich lieferte die Zeitschrift hart recherchierte Fakten zu aero-philatelistisch heißen Themen wie: neue Fluglinien, Sonderstempel, Superjets. Er begann zu handeln und die Welt zu bereisen.

Mit 19 behauptete er, geschäftsfähige 21 Jahre alt zu sein, wurde Mitbegründer des Reichsbundes der Philatelisten und bei dieser Gelegenheit auch gleich der Kassenwart.

Rund um den Globus hatte er jetzt Freunde und Kunden, man lud ihn zu Kongressen und Ausstellungen, man achtete ihn, er verdiente Geld.

Eines verstand sich von selbst: Sie gehörte gefeiert, die Philatelie. Womit? Mit dem Tag der Briefmarke natürlich! Den sollte nicht länger jeder Verband für sich begehen, wann und wie er Lust hatte. Er sollte weltweit gefeiert werden! Sonderstempel! Sondermarken! Presse! 1936 setzte Kurt Dahmann sich ins modernste Schnellflugzeug und sauste Richtung Luxemburg, um dort auf einem internationalen Philatelisten-Kongress seine Idee vorzutragen. Er steckte sie alle mit seiner Begeisterung an. Bald gab es Stempel und Marken zu diesem Ereignis, Bäckereien buken gezackten Kuchen, Zeitungen berichteten über Briefmarkenausstellungen.

Doch gab es ein paar Herren, die Dahmanns Treiben misstrauisch beäugten. Sie luden ihn ein ins Hauptquartier der Gestapo. Was das solle, dieses internationale Getue. Und warum keiner aus dem Vorstand der Philatelistenbande in der Partei sei? Kurt Dahmann tat sehr jung und ahnungslos. Man ließ ihn gehen.

In der Presse war am Tag darauf zu lesen, dass er als Kassenwart Gelder veruntreut habe und zudem homosexuell sei. Der Vorstand musste umgebildet werden, Parteimitglieder mussten hinein.

Doch sie hatten es mit einem echten Aero-Philatelisten zu tun, der sich von Blut- und Boden-Jüngern nicht einschüchtern ließ. Am 20.8.1937 brachte er einen Sonderstempel heraus, der auf das fünfjährige Bestehen seiner Zeitschrift verwies. Darauf zu sehen war ein spiegelverkehrtes Hakenkreuz.

Wieder wurde er ins Hauptquartier geladen. Wieder schaute er sehr jung und dämlich drein. Man ließ ihn in Ruhe. Zu viele ranghohe Parteimitglieder waren Briefmarkensammler.

Weil er um diesen Schutz wusste, wagte Kurt Dahmann 1941 seinen zweiten Streich: Wenige Wochen vor dem Russlandfeldzug hisste er auf dem Turm des Rathauses Friedenau die Flagge der UdSSR. Menschen versammelten sich und schauten staunend auf Hammer und Sichel, die da oben im Wind hart am Arbeiten waren. Nun ja, erklärte Dahmann den anrückenden Polizisten, die UdSSR habe zu der Ausstellung im Rathaus einige Konsularmarken beigesteuert, und er als Veranstalter müsse sich ein bisschen dankbar zeigen, nicht wahr und, ach so ja, Heil Hitler.

Anders als sein Freund von der Zensurpoststelle, der ihm damals das verdrehte Hakenkreuz hatte durchgehen lassen, wurde er nie inhaftiert.

So reiste er weiter um den Globus, immer mit offenem Hemd und von Damen umringt. Er sammelte, handelte, bohrte Löcher in den Eisernen Vorhang, durch die er halblegale Handelsverbindungen knüpfte und Vereinsbruderschaften pflegte. 1997 gab er die letzte Ausgabe seiner „Luftpost“ heraus, wie immer selbst geschrieben, auf dem Kopierer in der Küche vervielfältigt und im Wohnzimmer geheftet.

Als alter Mann bekam er oft Besuch von seinen beiden Nichten. Er lud sie in die Pizzeria ein, ließ sich ihre Liebesnöte berichten und gab professionellen Rat. Er kannte sich aus mit der Beförderung von Botschaften, auch den ungeschriebenen. Ein Briefmarkensammler war er nicht. Er war ein echter Aero-Philatelist.

Im Berlinverlag ist ein Buch mit einer Auswahl von 50 Texten dieser Seite erschienen: „Was bleibt. Nachrufe“, herausgegeben von David Ensikat, 205 Seiten, 8,90 Euro.

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