Wirtschaft : Kurt Eschke

Geb. 1906

Anne Jelena Schulte

Ein verwegener Gedanke: Er wollte Ingenieur werden. Ein Jahrhundert mit Eschke. Ein Jahrhundert auf der Suche nach einem guten und sicheren Ort. Kurt Eschke vermutete ihn dort, wo ihn auch seine Eltern wähnten, von denen er sagte: „Nach oben wollten sie sich strecken.“

Seine Eltern arbeiteten im Hotel London. Der Vater putzte für die feinen Gäste das Silber, die Mutter Gemüse. Manchmal nahm der Vater sein Kurtchen an die Hand. Dann besuchten sie die Kaiserparade oder reisten in den Berliner Süden, Villen angucken.

Sollten sich die Nachbarjungs auf den Straßen vom Wedding ihre Nasen blutig schlagen. Kurtchen, schmalschultrig und mit rachitisch verkrümmtem Rücken, hockte lieber über seinem Stahlbaukasten, konstruierte hohe Drehkräne und träumte vom Wohlstand.

Die Volksschule war keine gute Basis für den Sprung nach oben. Die meisten Kinder waren müde, wenn der Unterricht begann. Auch Kurt Eschke wurde morgens um vier hinausgeschickt, um nach Kohlköpfen anzustehen. Die gesunden Lehrer zogen in den Ersten Weltkrieg, zurückkehrten verwundete Heimkehrer mit blankgelegten Nerven, die den Schülern weniger Mathematik als Stockschläge beibrachten.

Als der Krieg und das Kaiserreich endgültig verloren waren, eröffneten sich für die Arbeiterkinder neue Möglichkeiten: An den Berufsschulen wurden Aufbauklassen für Begabte eingerichtet. Der Dreherlehrling Kurt wurde einer ihrer ersten und zugleich ehrgeizigsten Schüler. Er las Bücher wie „Vom Arbeiter zum Astronomen“, in ihm war ein verwegener Gedanke erwacht: Er wollte Ingenieur werden. In seiner freien Zeit besuchte er jede Schule, die ihm die Türen öffnete, ob es nun die Sonntagsschule war oder die Abend-Maschinenbau-Schule. 1927 war es soweit: Kurt Eschke, Hilfsarbeiterkind aus dem Wedding, hatte sein Ingenieur-Examen bestanden.

Kurz darauf begann die Weltwirtschaftskrise, und der Ingenieur Eschke hangelte sich von einer Kündigung zur nächsten. Er zog die Konsequenz und sattelte um: Als Gewerbelehrer könnte er sich verbeamten lassen und schließlich, das war sein fester Vorsatz, auf einem sicheren Plätzchen im Mittelstand seinen 100. Geburtstag feiern! Er schrieb sich an der Pädagogischen Hochschule ein. Wenn das keine solide gedrechselte Karriere war!

Schwankend aber blieb Deutschland. Die Nazis behagten ihm nicht. Sie stuften die Parteizugehörigkeit höher ein als fachliche Kompetenz, derer Eschke sich gerne rühmte, und der er seine gesamte Freizeit opferte. Seine mühsam erpaukte Existenz durfte allerdings unter keinen Umständen in Gefahr gebracht werden. Also ersetzte er auf Wunsch der Prüfer in seiner Examensarbeit ein Tucholsky-Zitat durch ein Zitat aus dem Propagandafilm „Hitlerjunge Quex“. Und wieder einmal erhielt Eschke ein „Sehr gut“. Der NSDAP musste er nicht beitreten. Er sei ein unpolitischer Mensch, sagte Eschke leise zu einem Freund.

Von nun an unterrichtete er Metallarbeiter, an deren Arbeitsplätzen zunehmend Kriegsgerät hergestellt wurde. Ansonsten kümmerte er sich um die Aufrüstung seiner Privaträume und leistete sich und seiner Frau ein sehr teures Esszimmer aus schwerem Eichenholz.

Dass man zwischen sich und die Welt einfach ein paar Möbel schieben könnte, das erwies sich mit dem neuen Weltkrieg jedoch als Illusion: Ab 1943 mussten auch die kriegswichtigen Metallgewerbelehrer an die Front. Während daheim das Esszimmer verbrannte, stolperte Eschke als Letzter seiner Einheit durch Brandenburg. Am 2. Mai 1945 kam er in russische Kriegsgefangenschaft. Er wurde in ein Arbeitslager nach Sibirien deportiert. Kurt Eschke begriff es als letzten Härtetest.

Als er 1950 zurückkam, wog er 47 Kilo, hatte eine komische Lehrermappe aus Dachpappe unter dem Arm und eine zerkratzte, kleine Blechdose in der Tasche. Sie enthielt zwei selbst gefertigte Nähnadeln und andere Basteleien, die ihm im Strafgefangenenlager Ansehen und manchmal ein Stückchen Kartoffel eingebracht hatten.

„Eschke, du machst es nicht mehr lange“, entfuhr es einem Bekannten.

Kurt Eschke aber war der Ansicht, dass das Leben ihm noch einige Früchte schuldete, die er endlich ernten und sorgsam genießen wollte. Es blieb dabei: Er wollte hundert Jahre alt werden. Doch sein Tonfall war bitter geworden. Zurück in seiner Berufsschule stieß er auf junge Kollegen, deren fachliche Qualitäten er als fragwürdig bezeichnete. Aufgrund der Härte seiner Erfahrungen könne er gewisse Nachlässigkeiten nicht hinnehmen. Er wurde zum stellvertretenden Berufsschulleiter ernannt und übererfüllte seine Pflicht im Kampf um Ordnung und sachlich-fachliches Niveau.

Kurt Eschke ließ das Esszimmer nachbauen und kaufte sich einen thronähnlichen Schreibtischstuhl. Da saß er so aufrecht, wie es sein von Rachitis, Hunger und Zwangsarbeit gekrümmtes Rückgrat erlaubte, aß teure Pralinen, sammelte Münzen, drehte den Fernseher an und ließ Musikantenstadl eine heile Welt besingen. Den Krawattenknoten löste er erst vor dem Zubettgehen.

Manchmal zog er die zerkratzte Blechdose hervor und betrachtete die kümmerlichen Gerätschaften, die ihm das Leben gerettet hatten. Es waren die seltenen Momente, in denen der sonst so kontrollierte Kurt Eschke Ort und Uhrzeit vergaß, in denen er heftig zwischen Angst vor dem Leben und dem Triumph des Überlebenden schwankte. Er starb mit 98 Jahren.

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