Wirtschaft : Kurt Zänker

Geb. 1912

Thomas Loy

Zum 50. Jubiläum bekam er von seinem Vermieter eine Kaffeefahrt spendiert. Durchbohrte Leiber, zertrümmerte Städte, missbrauchte Frauen, brennende Luft… Bilder aus dem Zweiten Weltkrieg.

Kurt Zänker, der Gefreite aus Berlin-Wedding, verlebte im Krieg „eine schöne Zeit“. Sechs Jahre bezahlter Abenteuerurlaub. Eine gute Kameradschaft gab’s, immer genug zu essen, eine warme Stube. Im Winter wurde Ski gelaufen, im Sommer Fußball gespielt. Sicher, um seine Frau sorgte er sich, auch um den kleinen Sohn. Zum Glück wurden sie bald aufs Land gebracht. In eine Gegend, wo der Krieg nur selten mit seiner brennenden Faust in die Dächer schlug. In die Gegend von Kurt verirrte sich der Krieg nur einmal. Britische Jagdbomber versenkten einen deutschen Kreuzer vor der Küste. Von Ferne waren Explosionen zu hören. Machen konnte man da nichts. Kurt Zänker diente seinem Führer als Funker in Nordnorwegen.

Glück gehabt, könnte man sagen. Vielleicht war es aber auch ein feines Gespür für heraufziehende Gefahren. Als die Engländer Kurt Zänker, inzwischen Obergefreiter, von Nordnorwegen nach Hause brachten, weil der Krieg ja nun aus war, ließ er seinen Mantel auf dem Schiff zurück. Es war ein schöner langer Mantel, der mal einem deutschen Offizier gehört hatte. Bei den Engländern hinterließ Kurt in dieser Verkleidung einen guten Eindruck. Zu Hause, bei den Russen, hatte er darin nur Ärger zu erwarten.

Einige Jahre später, am 17. Juni 1953, marschierte Kurt zusammen mit der Malerkolonne, in der er arbeitete, auf Berlin-Mitte zu. Am Haus der Ministerien, dem heutigen Finanzministerium, spürte er, wie die Stimmung immer aggressiver wurde. Als die ersten Steine flogen, hatte sich Kurt schon aus dem Staub gemacht. Zum Heldentum fehlte ihm der ernsthafte Wille, die Geschichte eigenmächtig voranzubringen. Auf Fotos ist Kurt Zänker stets unbeschwert lachend zu sehen.

1928 fing er in der „Nordöstlichen Bauberufsgenossenschaft“ als Lehrling an. Büroarbeit in der Akten-Registratur – eine gute Stellung für den Sohn eines Buchdruckers aus Wedding. Jeden Morgen fuhr Kurt mit dem Fahrrad nach Wilmersdorf zur Arbeit. Das war das Konditionstraining für die Fußballspiele am Wochenende. Von politischen Auseinandersetzungen hielt er sich fern. Ein Vorgesetzter drängte ihn, in die SA einzutreten, und Kurt meinte, er würde ja gerne, habe als Alleinverdiener aber keine Zeit zum Marschieren. Sein Vater war damals arbeitslos geworden.

Kurz vor dem Krieg lernte Kurt seine Frau kennen. Sie war Verkäuferin in einem Geschäft für Damen-Korsagen und -Unterwäsche in der Badstraße, gleich bei ihm um die Ecke. Kurt beobachtete sie immer durchs Schaufenster. Eines Tages wartete er bis Geschäftsschluss und sprach sie an. Im Juli 1940 bekam Kurt einen kurzen Fronturlaub, um zu heiraten.

Nach Nordnorwegen ist er später nie mehr gekommen. Das war wahrscheinlich klug, denn man findet ja doch nicht wieder, was das Gedächtnis einem vorschwärmt. Gereist ist Kurt als Pensionär gerne via TV. Nach einer schönen Reisedokumentation ging er an seinen Globus, um nachzuschauen, wo er gerade gewesen ist. Naherkundungen der Heimatstadt unternahm er mit BVG oder Dampfer.

Kurt fiel das Treusein leicht. Fast 60 Jahre war er mit derselben Frau verheiratet, 51 Jahre wohnte er in derselben Wohnung und 33 Jahre arbeitete er in derselben Behörde. Zum 50. Wohnungsjubiläum bekam er vom Vermieter eine Kaffeefahrt in den Grunewald spendiert. Man reiste im Doppeldecker-Bus. Noch lange schwärmte Kurt von diesem Ausflug.

Jeden Tag fuhr er in seinen Schrebergarten, zu den blütenmächtigen Rhododendren. Jede Woche drehte er seine Runde zu drei Lotterie-Annahmestellen – von seinem Wetteinsatz sollte nicht nur ein Kioskbesitzer profitieren.

Eines Tages musste Kurt ins Krankenhaus, weil sein Magen blutete. Nichts Schlimmes, sagten die Ärzte. Kurt unterhielt sich mit seinem Sohn über die letzte Bundesliga-Schlappe von Werder Bremen. In der folgenden Nacht blutete der Magen wieder. Während die Ärzte operierten, versagte Kurts treues Herz zum ersten Mal seinen Dienst.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben