Wirtschaft : Kurze Nächte, krumme Rücken, kranke Seelen

Deutschlands Kliniken müssen sparen. Darunter leidet nicht zuletzt das Personal

Maren Peters

Besonders geruhsam waren die Nächte von Michael Kammer noch nie. Notfallpatienten halten sich nun mal nicht an Dienstzeiten. Doch als der Mediziner Kammer vor fünf Jahren in der Unfallchirurgie einer süddeutschen Uniklinik anfing, konnte er die Hälfte seines Bereitschaftsdienstes noch im Bett verbringen. Heute sind es vielleicht noch 15 Prozent, schätzt er. „Das ist natürlich wenig, wenn man 24-Stunden-Schichten hat“, klagt der 34-Jährige. 3500 Schwerstverletzte hat sein Team damals im Jahr versorgt, heute sind es 5000 – was auch daran liegt, dass viele kleineren Kliniken der Umgebung die Notfallversorgung aus Kostengründen eingestellt haben. Die Folgen sind lebensbedrohlich. „Die Konzentration lässt nach, das öffnet Tür und Tor für Fehler“, sagt Kammer, der in Wirklichkeit anders heißt.

Mit dem steigenden Kostendruck im Gesundheitswesen ist die Belastung von Ärzten und Pflegepersonal dramatisch gestiegen. Aus einfachem Grund: Personalkosten sind der mit Abstand größte Ausgabeposten im Budget der Klinikchefs. Mehr als 65 Prozent der Gesamtausgaben entfallen nach Angaben der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) aufs Personal. Wenn Kliniken sparen müssen – und dazu haben diverse Gesundheitsreformen sie verpflichtet –, kürzen sie daher zuerst beim Personal.

Schon jetzt ächzen die Mitarbeiter unter den Folgen. Seit 1995 ist die Zahl der Schwestern und Pfleger in deutschen Kliniken um 50 000 auf rund 300 000 gesunken. Die Zahl der Ärzte steigt zwar, doch das ist nach DKG-Angaben vor allem Folge gekürzter Arbeitszeiten, die die Kliniken zwingen, mehr Mediziner einzustellen. „Von Entlastung merke ich aber nichts“, sagt Unfallchirurg Kammer.

Die Zahl der Patienten nimmt nicht nur an seiner Uniklinik deutlich zu. Seit der Einführung neuer Vergütungssysteme können Krankenhäuser eine Hüft- oder Blinddarmoperation nur noch pauschal abrechnen, und haben daher ein Interesse daran, Patienten möglichst schnell wieder nach Hause zu schicken. „Seitdem sind die Liegezeiten gesunken, die Auslastung der Betten hat sich dafür erhöht“, sagt DKG-Sprecher Daniel Wosnitzka. Das ist gut für das Klinikbudget, aber anstrengend fürs Personal. „Je mehr Patienten sie versorgen müssen, desto mehr intensiviert und verdichtet sich die Arbeit“, gibt Wosnitzka zu.

Das geht Ärzten und Pflegern buchstäblich an die Knochen. Nach dem Öffentlichen Dienst hat das Gesundheitswesen mit 3,7 Prozent bundesweit den höchsten Krankenstand, wie es im Gesundheitsreport der Deutschen Angestellten-Krankenkasse (DAK) heißt. Besonders alarmierend: Immer mehr Ärzte und Pfleger fallen wegen stressbedingter psychischer Krankheiten und Wirbelsäulenerkrankungen aus, die ebenfalls als typische Folge hoher Arbeitsbelastung gelten. „Schichtarbeit und wachsende Anforderungen in den Kliniken spielen dabei eine große Rolle“, sagt DAK-Sprecher Frank Meiners. Zusammen mit der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) hat die Kasse nach den Gründen geforscht.

Ergebnis ist der Ende 2006 vorgelegte Krankenpflegereport. Mehr als ein Drittel der befragten Pflegekräfte geben darin an, sehr oft unter Zeitdruck zu leiden. 29 Prozent haben sehr oft keine Möglichkeit, Pausen einzulegen. Über ein Viertel aller Befragten leistet durchschnittlich mehr als zehn Überstunden im Monat, bei den Pflegekräften mit Leitungsfunktionen waren es sogar über 40 Prozent. Neben der Zunahme des Arbeitstempos wurden auch der wachsende Aufwand für Dokumentations- und Verwaltungsaufgaben beklagt. Fazit der Auftraggeber: Arbeitsdruck, Leistungsdruck und Sorgen um den Arbeitsplatz haben seit der letzten Erhebung im Jahr 2000 erheblich zugenommen.

Entlastungen sind kaum zu erwarten, befürchtet BGW-Geschäftsführer Stephan Brandenburg. „An der Situation wird sich nichts ändern.“ Ganz im Gegenteil, der psychische Druck werde noch zunehmen. „Das Personal trifft die subtile Verantwortung dafür, dass Patienten wegen der Kosten nicht zu lange bleiben dürfen“, sagt er. Gleichzeitig müssten Ärzte und Pfleger aber Angst haben, die Kranken zu früh nach Hause zu schicken und dafür verantwortlich gemacht zu werden, wenn etwas schieflaufe. Trotzdem, die Kliniken werden künftig noch mehr sparen. Durch die jüngste Gesundheitsreform erwartet die DKG Mehrbelastungen von 380 Millionen Euro für 2007 und 2008. „Das wird vermutlich dazu führen, dass noch mehr Personal abgebaut wird“, sagt DKG-Sprecher Wosnitzka. Immer mehr von ihnen suchen Alternativen im Ausland. „Viele meiner Kollegen sind nach Norwegen, Australien oder in die Schweiz ausgewandert“, sagt Chirurg Kammer. Dort erwarteten sie bessere Arbeitszeiten, weniger Bürokratie und flachere Hierarchien.

Wenn der Trend anhält, könnte das System Krankenhaus schon bald ernste Probleme bekommen. Wilfried von Eiff, Chef des Instituts für Krankenhausmanagement an der Uni Münster, prophezeit schon in wenigen Jahren einen Mangel an qualifiziertem Klinikpersonal. Zeitarbeitsfirmen bereiten sich bereits darauf vor, diese Lücke zu schließen. „Wir erwarten, dass bis 2010 der Bedarf an qualifiziertem Klinikpersonal erheblich steigen wird“, sagt Randstad-Experte Frank Schäfer. In Holland, schwärmt er, verleihe das Unternehmen schon jetzt komplette Operationsteams an die Krankenhäuser.

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