Wirtschaft : "Kurzfristig sind höhere Beiträge nicht zu vermeiden"

Karl W. Lauterbach ist Mitglied im Sachverstä

Karl W. Lauterbach ist Mitglied im Sachverständigenrat für das Gesundheitswesen und ein wichtiger Berater der rotgrünen Bundesregierung.

Herr Lauterbach, das Arzneimittel-Sparpaket von Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) steht auf der Kippe. Ist es noch realistisch, damit bis zu drei Milliarden Mark einzusparen, wie ursprünglich beabsichtigt?

Grundsätzlich ja. Wie viel Geld im Arzneimittelsektor im kommenden Jahr tatsächlich eingespart werden kann, lässt sich indes schwer vorhersagen - das hängt entscheidend vom Verhalten der Ärzte und Apotheker ab. Geplant ist, dass der Arzt nur noch einen bestimmten Wirkstoff verschreibt, nicht mehr ein konkretes Medikament. Nur wenn die Apotheker dann aber tatsächlich zum günstigeren Mittel greifen, kann es zu Einsparungen kommen.

Was ist denn der Grund für den starken Anstieg der Arzneimittel-Kosten im Gesundheitswesen seit Anfang dieses Jahres?

Der starke Anstieg der Kosten für Medikamente hat bereits in den letzten Monaten des vergangenen Jahres begonnen. Die Abschaffung der Arzneimittel-Budgets bei den niedergelassenen Ärzten durch Gesundheitsministerin Ulla Schmidt ist jedoch nicht allein für den starken Kostenanstieg verantwortlich. Der Grund ist vor allem die Verschreibung neuer, teurerer Medikamente, deren zusätzlicher Nutzen für die Patienten zum Teil sehr gering oder gar nicht nachweisbar ist.

Ist das nur ein Trend, oder gibt es ein Strukturproblem im deutschen System?

Grundsätzlich fehlen Anreize und Steuerungsinstrumente, mit denen der Einsatz von Arzneien wirtschaftlicher erfolgen und zugleich die Qualität gesteigert werden kann. Uns fehlt etwa eine Positivliste, auf die Fachleute nur solche Arzneien aufnehmen, die nachweislich wirksam sind. Außerdem bräuchte es ein wissenschaftliches Institut, das alle Innovationen, die die Krankenkassen bezahlen sollen, auf Wirkung und Kosten hin überprüft und Scheininnovationen von der Erstattung ausschließt. Zudem fehlen Leitlininen für die medizinische Behandlung, damit Medikamente in der Praxis richtig eingesetzt werden können.

Wie viel Geld ließe sich durch diese Reformen denn einsparen?

Würde man das Gesundheitswesen entsprechend umbauen, wären allein im Arzneimittelbereich Effizienzreserven in Milliardenhöhe erreichbar. Wieviel es genau sein könnte, berechnet der Sachverständigenrat für das Gesundheitswesen derzeit.

Nach einer umfassenden Reform sieht es im Moment nicht aus. Muss die Bundesregierung über weitere Sparpakete nachdenken, damit die Beiträge nicht explodieren?

Natürlich. Am vergangenen Freitag hat der Bundestag die Reform des Risikostrukturausgleichs beschlossen, das ist bereits ein wichtiger Schritt, der die Versorgungsqualität verbessern und finanzschwache Krankenkassen entlasten wird.

Um die Beiträge zur Krankenversicherung zu stabilisieren, ist schnelles Handeln gefragt. Welche Maßnahmen würden denn innerhalb kurzer Zeit wirken?

Die meisten Maßnahmen würden erst mittelfristig die Kosten reduzieren. Um die Beiträge bis zur Bundestagswahl stabil zu halten, sehe ich im Prinzip keine Möglichkeit. Selbst eine Reduzierung des Leistungskatalogs der gesetzlichen Krankenkassen würde kurzfristig vermutlich eher Geld kosten als welches einsparen, weil die betreffenden Leistungen umfinanziert werden müssten. Eine Streichung von Leistungen wäre politisch ohnehin kaum durchsetzbar, weil wesentlichen Teilen der Bundesrat zustimmen müsste. Generell wäre meines Erachtens eine Leistungskürzung auch der falsche Weg. Das Problem im deutschen Gesundheitswesen sind eher mangelnde Effizienz und Strukturprobleme.

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