Wirtschaft : Kurzmeldungen

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Herr Thieme, haben Sie Angst vor dem 11. September?

Nicht unbedingt. Ich fliege sogar an diesem Tag von Europa nach New York. Aber vielleicht werden der Kapitän und ich alleine sein.

Rechnen Sie mit Turbulenzen an den Börsen?

Ja, ich fürchte, wir müssen damit rechnen. Es gibt keinen Menschen, der am 11. September 2001 älter als 15 Jahre alt war, der diese Bilder bis zu seinem Lebensende vergessen kann. Aber die Amerikaner, das muss man kritisch hinzufügen, neigen hier zu einem übertriebenen Selbstmitleid. Wenn ich mir das Medienspektakel ansehe, dann wird versucht, zu vieles mit dem 11. September in Verbindung zu bringen.

Beherrscht nach der großen Gier nun die Angst das Verhalten der Anleger und Unternehmen?

Die Angst nach einem solchen Anschlag wirkt noch nach, das lässt sich nicht leugnen. Wo die Rationalität endet, gibt es nach oben und unten kein begründbares Limit mehr. Wenn man nur die Schlagzeilen liest – Umweltkatastrophen, Kriegsgefahr, Rezession, Arbeitslosigkeit –, dann müssen Sie den Eindruck haben, die Welt steht vor einem Abgrund. Ein einziges Chaos. Es gibt keine Hoffnung mehr. Dieser übertriebene Pessimismus wirkt sich auch auf die Börse aus.

Welche Folgen hätte ein Krieg im Persischen Golf in dieser desolaten Lage?

Ein Krieg würde belebend wirken.

Wie bitte?

Ja, die Geschichte zeigt das. So war es 1915, als die USA in den Ersten Weltkrieg eintraten und während des Zweiten Weltkriegs. Auch bei den Kriegen in Korea und am Golf stiegen die Börsen.

Gibt es ökonomische Gründe für dieses zynische Kalkül – was ist mit dem Öl-Preis?

Es wird wie beim Golf-Krieg sein: Das Öl wird für ein paar Stunden teurer werden und dann sehr schnell deutlich unter das heutige Preisniveau fallen. Vorausgesetzt, der Irak ist militärisch nicht stärker, als jetzt vermutet wird. An der Wall Street wird der Dow Jones Index um 200 bis 400 Punkte steigen, wenn die USA Saddam Hussein den Krieg erklären. Kriege motivieren und ziehen Investitionen nach sich. Und das wirkt auch auf die Aktienkurse.

Man sagt, die Kapitalmärkte nehmen die Entwicklung der Realwirtschaft ein halbes Jahr vorweg. Wenn man sich die Aktienkurse anschaut, müssten wir vor einer zweiten Rezession stehen.

Das Wachstum ist zwar schwächer, als man vor einem Jahr gedacht hat. Aber eine Rezession ist vermeidbar. Dennoch ist ein Double Dip, ein neuer Abschwung, eine Gefahr. Wir stehen auf der Kippe: Ein Schritt daneben – und wir stürzen ab.

Wovon wird das abhängen?

Es wird in erster Linie vom Konsumverhalten abhängen. Ferner spielen Regierungen und Notenbanken eine Rolle. Und wie schon gesagt: ein möglicher Krieg.

Müssen die Zinsen weiter sinken?

Die US-Notenbank hat ihre Schuldigkeit im Großen und Ganzen getan und könnte allenfalls noch psychologische Signale setzen. Kommt es zu einer nochmaligen Zinssenkung – ich halte das für möglich –, wäre dies aber ein Akt der Verzweiflung. Korrigieren kann Alan Greenspan bei den historisch äußerst niedrigen Leitzinsen von 1,75 Prozent damit nicht mehr viel.

Werden schärfere Gesetze gegen Bilanztrickser und Börsenbetrüger helfen, das Vertrauen der Anleger wieder herzustellen?

Das Vertrauen ist zweifellos unterminiert worden. Aber die übertriebenen Reaktionen darauf haben das Vertrauen nicht gestärkt.

Warum?

Weil man das Gefühl bekommen muss, dass es vorher gar keine Gesetze gegeben hat. Hier haben die Regierungen das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Wir haben bereits Gesetze – man muss sie nur konsequent anwenden und dafür sorgen, dass die Staatsanwälte und Richter qualifiziert sind. Sammelklagen, erweiterte Haftung, höherer Schadenersatz – all das entschädigt nicht die geprellten Anleger, sondern es macht höchstens die Anwälte reich. Man sollte jedoch nicht vergessen, dass Anleger teilweise zu gierig waren und somit die Börsenverluste selbst zu verantworten haben. Nehmen wir den Neuen Markt: Kein EM.TV-Anleger sollte glauben, dass bei den Haffa-Brüdern die Milliarden zu holen sind, die an der Börse vernichtet wurden.

Dennoch: Der Kursrutsch hat das Geld vieler Anleger vernichtet. Wirkt sich das auf das Konsumverhalten und auf die Konjunktur aus?

Nein. Dieser Effekt ist übertrieben worden. Die meisten Amerikaner haben weniger als 10000 Dollar in Aktien investiert. Nehmen wir den Mittelstand, also 60 Prozent der Bevölkerung, dann sind nicht mal zehn Prozent des privaten Vermögens an der Börse investiert. Einen viel größeren Teil ihres Vermögens haben die Mittelschicht-Amerikaner in Immobilien investiert. Und da wurde in den vergangenen Jahren gut verdient.

Auch ein spekulativer Markt?

Nicht unbedingt. Nur vereinzelt ist es zu Übertreibungen gekommen, zum Beispiel im Silicon Valley im Zusammenhang mit der Spekulationsblase im Technologiesektor. Das Konsumverhalten wird entscheidend vom Realeinkommen der amerikanischen Verbraucher geprägt, das weiter steigt. Das Vertrauen kann deshalb sinken, aber konsumiert wird trotzdem, weil mehr Geld da ist.

Warum kommt die Konjunktur dann nicht in Schwung?

Weil die Unternehmen ihre Kapazitäten noch nicht ausgeschöpft haben, die sie im Aufschwung aufgebaut haben. Das betrifft vor allem die Technologie- und Telekommunikationsmärkte. Dieser Sektor wird sich frühestens Anfang 2003 wieder beleben. Viel später, als man geglaubt hatte.

Hat der 11. September diese Erholung verzögert?

Nein. Es waren nicht die Terroranschläge, die Amerika in eine Rezession gestürzt haben. Wir leiden noch immer unter der Investitionsblase der New Economy.

Wie lange denn noch?

Im vierten Quartal dieses Jahres werden wir an der Börse die ersten positiven Signale sehen. Aber das, was im Dot-Com- und Internet-Boom übertrieben wurde, lässt sich so schnell nicht wieder korrigieren.

Sie haben Ende September 2001 zum Kauf von Aktien geraten. Heute sind die Kurse wieder da, wo sie vor einem Jahr waren. Kein gutes Geschäft, oder?

Doch, sofern man differenziert. Wer zum Tiefststand am 21. September 2001 Aktien gekauft und rechtzeitig wieder verkauft hat, konnte Gewinne von teilweise 40 Prozent machen. Daimler-Chrysler, Bayer, Siemens, SAP, Allianz und Deutsche Bank sind nur einige Beispiele. Aber: Auch ich habe nicht damit gerechnet, dass die Kurse noch einmal unter die Tiefststände fallen würden. Im Nachhinein ist man immer klüger.

Gilt die Börsenregel von Altmeister André Kostolany noch: Aktien kaufen, Schlaftabletten nehmen und in zehn Jahren wieder aufwachen?

Kaufen und mit den Aktien schlafen – das ist langfristig noch immer richtig. Wer heute kauft und zehn Jahre Zeit hat, der wird trotz der zu erwartenden Kursschwankungen Gewinn machen. Noch erfolgreicher ist man jedoch, wenn man die Volatilität aktiv ausnutzt. Dies verlangt aber eine enorme Disziplin. Kaufen bei Kursschwäche und Absichern der Gewinne heißt die Devise.

Die Kurse fallen nun seit drei Jahren...

Selbst eine so ausgeprägte Baisse ändert nichts daran: Zehn Prozent Rendite wird es auch in Zukunft im Schnitt pro Jahr geben. Ich warne allerdings davor, selbst täglich zu handeln und zu versuchen, jeden Prozentpunkt auszunutzen. Das sollten Privatanleger den Profis überlassen.

Die ja auch nicht immer eine glückliche Hand gehabt haben...

Der Markt ist sehr viel hektischer geworden. Da passieren Fehler. Aber wer nicht spekuliert, sondern investiert, kann für seine Altersvorsorge immer noch auf die Aktie setzen. Meine Faustregel: Das Lebensalter mit 100 multiplizieren und diesen Betrag in Euro jedes Jahr möglichst breit gestreut investieren, zum Beispiel in ein Produkt, das einen großen Aktienindex abbildet. Am besten sollte man mit 25 Jahren mit dem Aktiensparen beginnen, also mit 2500 Euro anfangen.

Haben Sie sich in diesem Jahr mal gefragt, ob Ihr Optimismus nicht ein wenig sorglos ist?

Nein. Als ich vor 30 Jahren in Schottland meinen Beruf ergriff, stand der Dow Jones bei 900. Allein der Kursgewinn betrug in diesem Zeitraum sieben Prozent pro Jahr. Wer zudem die Dividende reinvestierte, kommt auf einen Schnitt von über zehn Prozent. Als Visionär muss man über gewisse Tagesprobleme hinwegsehen. Wer die Welt ohne Vision betrachtet, für den fällt sie im Moment auseinander. Aber das ist nicht meine Lebensphilosophie. Die Welt wurde von Visionären geprägt und nicht von Erbsenzählern.

Das Gespräch führte Henrik Mortsiefer.

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