Wirtschaft : Kurzmeldungen

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Nächstenliebe wird in der Weihnachtszeit groß geschrieben ob sie auch entsprechend praktiziert wird, darf bezweifelt werden. Dies gilt im Kleinen der zwischenmenschlichen Beziehungen, aber auch im Großen der Politik. Dabei kann uns das Konzept der Nächstenliebe sogar bei schwierigen ökonomischen Reformen eine solide Leitlinie geben.

Was besagt das alttestamentarische Wort der Nächstenliebe, das durch Jesu Christus Bergpredigt gewissermaßen populär wurde? Erst einmal sagt das Wort „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst“, dass man sich durchaus selbst lieben darf. Das können Menschen ja auch besonders gut. Und was wollen sie: Erfolg und Zufriedenheit, zumindest die Chance auf Erfolg. Alles, was die Bibel fordert ist, dass man seine Nächsten ebenso liebt. In profane Worte gefasst ist dieses Konzept bei Immanuel Kant als „Kategorischer Imperativ“ zu finden: handele so, dass Dein Handeln die Grundlage für eine allgemeine Gesetzgebung sein kann. Heute sagt man: alle sollen die gleichen Chancen haben. Diese Forderung ist in allen Parteien zum politischen Programm geworden. Und in der Tat: das „Konzept“ der Nächstenliebe kann uns sogar helfen, für das schwierige Problem einer nachhaltigen Rentenreform einer Lösung näher zu kommen.

Die Altersvorsorge steht vor dem Problem, dass aufgrund der Alterung der Bevölkerung, die Relation der Jungen, die Beiträge und Zinsen erwirtschaften können, zu den älteren Menschen im Ruhestand, die von der Leistungskraft der Jungen leben, ungünstiger wird. Dadurch steigen - bei unverändertem Rentensystem - die Beiträge und Zinsen, mit denen die Renten finanziert werden müssen, dramatisch an, oder aber es muss weniger Geld als bislang an die Älteren transferiert werden, indem z. B. das Rentenzugangsalter erhöht oder das Rentenniveau gesenkt wird. Das Fatale ist: die ökonomische Theorie kann uns nicht sagen, was die richtige Reform ist. Denn es ist keinerlei Reform denkbar, die nicht irgendeine Gruppe schlechter stellt als bislang: entweder die Beitragszahler, indem sie beispielsweise mehr Kapital ansparen, oder diejenigen, die in den nächsten Jahren später in Rente gehen als erwartet, oder alle Rentner, indem etwa das Rentenniveau gesenkt wird. In einer solchen Situation ist die ökonomische Theorie am Ende. Es muss aber entschieden werden, wem was zugemutet wird, und dazu kann - und sollte - die Wirtschaftswissenschaft keine Aussage machen. Hier muss parlamentarisch entschieden werden. Und dabei kann das „Gerechtigkeitskonzept“ der Nächstenliebe helfen - auch wenn die Bibel sich mit dem Problem der Rentenreform niemals beschäftigt hat.

Nächstenliebe besagt offenbar, dass keine Generation sehenden Auges systematisch schlechter gestellt werden darf als eine andere. Insbesondere muss auch das Wohl künftiger Generationen berücksichtigt werden. Unzumutbare Beitragsbelastungen wären offensichtlich unfair. Wenn es auf Grund der Alterung der Bevölkerung künftig Probleme gibt, dann sollten sich auch die jetzt Erwachsenen an der Lösung beteiligen. Das heißt eine Rentenreform sollte auch an den Leistungen der jetzigen Rentner und an den Rentenanwartschaften der „rentennahen“ Jahrgängen ansetzen - obwohl diese Jahrgänge dadurch schlechter gestellt werden als ohne eine Reform. Es ist nicht verwunderlich, dass aus dem allgemeinen Prinzip der Nächstenliebe natürlich keine Blaupause für die Details einer Rentenreform ableitbar ist. Offen ist zum Beispiel, wie stark die jetzigen Rentner durch geringer steigende Renten und damit geringer steigende Beiträge der jungen Generation Spielraum für mehr Sparen ermöglichen sollten. Immerhin lässt sich aus der Bibel ableiten, dass „Reiche“ den „Ärmeren“ helfen sollten, das heißt dass Ältere mit hohen Einkommen stärker belastet werden sollten. Dies wäre zum Beispiel durch eine stärkere Besteuerung der Renten erreichbar. Umgekehrt sollten alle leistungsfähigen Jungen in die Rentenkassen einzahlen, was für eine Versicherungspflicht für Beamte und Selbstständige spricht. Wenn eine Erhöhung des Rentenzugangsalters nur die treffen würde, die Glück hatten und eine höhere Lebenserwartung haben, wäre dies wünschenswert. Wie man das allerdings umsetzen kann, ist keineswegs klar.

Das biblische Gebot der Nächstenliebe ersetzt keineswegs die schwierige Suche nach Kompromissen im Detail - aber immerhin unterstützt das Gebot der Nächstenliebe diejenigen, die auch nach Generationengerechtigkeit streben.

Der Wirtschaftswissenschaftler Gert G. Wagner ist Mitglied der Sozialkammer der Evangelischen Kirche in Deutschland und Mitglied der Rürup Kommission zur Finanzierung der Sozialversicherungen.

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