Wirtschaft : Kurzmeldungen

Maren Peters

Ob die Augen kurz- oder weitsichtig sind, ob die Hornhaut verkrümmt oder das Lesen im Alter nur ein bisschen schwerer geworden ist – wer jetzt eine Brille braucht, dem sitzt Ulla Schmidt im Nacken. Die Gesundheitsministerin hat mit der Abschaffung der Kassenzuschüsse für Brillen den Optikern ein schönes Zusatzgeschäft bis Ende Dezember beschehrt. Dann ist nämlich Schluss mit den Kassenrabatten.

Bei Apollo-Optik in der Charlottenburger Kaiser-Friedrich- Straße hat der Countdown schon begonnen. „Hier ist seit Oktober viel mehr los als sonst“, sagt die stellvertretende Filialleiterin Claudia Schneider. Statt acht Brillen verkauft sie im Moment zwölf bis 15 Brillen pro Tag. „Viele statten sich noch mal neu aus“, sagt die Optikerin. Doch zur Hektik besteht eigentlich kein Grund, denn Brillen könnten bald billiger werden.

Der Brillenmarkt ist gespalten – in die Fielmann- und in die Gucci-Fraktion. „Entweder die Leute kaufen billige Brillen oder sie kaufen teure Designerbrillen“, sagt Joachim Goerdt, Geschäftsführer des Zentralverbandes der Augenoptiker (ZVA). „Der mittlere Preisbereich fehlt.“

Vom Run auf die letzten Kassenrabatte profitieren vor allem die Billigketten. „Wir haben zweistellige Zuwachsraten“, sagt Apollo-Geschäftsführer Theo Kieselbach. Wer sich hingegen eine Designer-Sehhilfe zulegt, denkt zuletzt an Ulla Schmidt: „Bei uns hat sich nichts geändert“, sagt ein Verkäufer der Berliner Designerbrillen-Kette Brille 54. Der Zuschuss von 20 Euro für ein Glas fällt kaum ins Gewicht, wenn es eine klassisch schwarze Kunststoffbrille von Yves St. Laurent (Rahmen: um 250 Euro), ein cooles Gestell des amerikanischen Designers Philip Starck (um 500 Euro) oder ein goldgefasstes Unikat von Retrospecs (bis 1000 Euro) sein soll. „Die gesetzlichen Kassen haben ja eh’ nur wenig dazugegeben“, sagt der Brille-54-Verkäufer. Carolin Hauber vom Berliner Brillen-Designer IC!Berlin, pflichtet ihm bei: „Bei uns gibt es keinen Endspurt – dafür sind die Brillen zu teuer.“ Die schraubenlosen Edelstahlrahmen von IC!Berlin (Foto links oben) kosten zwischen 270 und 315 Euro. Der Trend ist seit langem unverändert: Immer mehr Kunststoff und eher eckige Formen im Retro-Look.

Dass teure Brillen beliebter werden, macht die Händler nicht nur glücklich: „Wer sich für 600 Euro eine Brille kauft, legt sich nicht drei Jahre später schon eine neue zu“, sagt Branchenexperte Goerdt. Dafür ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie länger halten, größer als bei Billigmodellen – auch wenn bei den Designerbrillen durchschnittlich 25 Prozent des Preises als Lizenzgebühr an den Markeninhaber fließen.

Der Preis hängt denn auch nicht von der Marke, sondern von der Qualität von Rahmen und Fassung ab. Je leichter, flexibler, dünner und unzerbrechlicher Stahl, Titan, Kunststoff und Glas sind, desto teurer die Brille. „Sie können auch eine gespritzte Kunststofffassung in Hongkong für fünf Euro bekommen“, sagt ein Rahmenhersteller, „aber viel mehr ist die auch nicht wert.“ Wenn man das Gestell mit einem einfachen Brillenglas zusammenbaue und zum Nulltarif den Geschäften anbiete, „dann ist der Kunde schnell im Laden“, sagt er.

Ein bisschen Neid klingt da durchaus mit. Schließlich sind Brillen zum Nulltarif Teil des Erfolgsrezeptes einer Kette wie Fielmann. Sie bittet die Billigsehhilfen mit der begründeten Hoffnung an, dass der Kunde am Ende doch noch zu einer teureren Markenbrille greift. „Wir bieten die ganze Palette der Augenoptik“, sagt ein Sprecher. „Aber wir fangen immer beim Nulltarif an.“ Fielmann, schon jetzt der größte Optiker Europas, will bis Ende des Jahres die Hälfte aller deutschen Brillen verkauft haben.

Doch der Branche graust es schon vor dem kommenden Jahr: Nach dem Boom rechnen die Optiker dann mit Umsatzeinbußen von zehn bis 15 Prozent - das war bisher noch nach jeder Gesundheitsreform so. Schon jetzt planen die Optiker fieberhaft für 2004 – zum Vorteil des Kunden. „Es wird sofort aggressive Angebote und Aktionspreise geben, um die Leute in die Läden zu locken“, sagt Branchenexperte Goerdt.

Der Discount-Optiker Apollo hat schon angefangen – und gibt Gutscheine aus. „Wer jetzt eine Brille kauft, und im nächsten Jahr eine zweite, der bekommt ab 2004 einen Apollo-Zuschuss“, sagt Geschäftsführer Theo Kieselbach. Wie Marktführer Fielmann sein Geschäft künftig ohne Kassenzuschuss beleben will, wird nicht verraten. Ein Sprecher versichert nur: „Der Nulltarif bleibt.“ Doch auch traditionelle Optiker müssen sich nach dem Ende des Kassenrabatts auf härtere Zeiten einstellen. „Die Brillen werden insgesamt billiger“, sagt ein Branchenvertreter. „Der Wettbewerbsdruck wächst.“ Fotos: Promo

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