Wirtschaft : Labour-Sieg wird begrüßt

Wirtschaft erwartet europafreundlichen Kurs / Pfund verliert

BONN/LONDON(AFP/dpa).Die deutsche Wirtschaft hofft auf ein europafreundlicheres Großbritannien nach dem Wahlsieg der Labour-Partei unter Tony Blair bei den britischen Unterhauswahlen.Ein "konstruktiveres Vorgehen" der Briten in Sachen Europa wäre mit Blick auf die deutschen Investitionen in Großbritannien wünschenswert, kommentierte der Deutsche Industrie- und Handelstag (DIHT) am Freitag in Bonn den Wahlausgang jenseits des Ärmelkanals.Konkrete Auswirkungen des Labour-Siegs auf die intensiven deutsch-britischen Wirtschaftsbeziehungen sind vorerst aber offenbar nicht zu erwarten."Da wird sich nichts Tiefgreifendes ändern", prophezeite Klaus Balzer, Leiter der deutsch-britischen Industrie- und Handelskammer in London.Auch beim Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) hieß es, der Machtwechsel an der Themse sollte in seinen Auswirkungen "nicht überschätzt werden"."Der Handel läuft gut, und dabei wird es wohl bleiben", erklärte ein Sprecher.BDI-Chef Hans-Olaf Henkel sagte, das wirtschaftliche Programm der Labour-Partei sei so marktwirtschaftlich ausgerichtet, daß es auch vom BDI getragen werden könne.Henkel führte den Sieg Blairs auf den Wunsch der britischen Wähler nach "mehr Solidarität in der Gesellschaft" zurück."Während wir viel mehr von der Wettbewerbsfähigkeit der britischen Gesellschaft brauchen, wollen die Briten wohl einen Schuß mehr Solidarität", sagte Henkel.Mit einem nachgebenden Pfund-Kurs reagierte der Frankfurter Devisenhandel auf den Wahlausgang.Die britische Währung verlor am Freitag knapp dreieinhalb Pfennige auf 2,7808 DM.Am Mittwoch hatte sie bei 2,8145 DM gelegen. Derzeit sind rund 1500 deutsche Firmen mit Niederlassungen in Großbritannien aktiv, sie beschäftigen dort zwischen 100 000 und 120 000 Menschen und sichern weitere Arbeitsplätze bei Zulieferern.Die Ausfuhren deutscher Unternehmen nach Großbritannien lagen 1995, dem Jahr der aktuellsten Erhebung, bei einem Warenwert von 58 Mrd.DM, die Einfuhren britischer Firmen nach Deutschland erreichten 40,4 Mrd.DM.Großbritannien ist damit nach Frankreich zweitwichtigstes Zielland der deutschen Exportwirtschaft, Deutschland umgekehrt wichtigster Partner der britischen Exportfirmen.Hauptausfuhrgüter sind zu einem Viertel Autos und Autoteile, zu einem weiteren Viertel Maschinen und Anlagen sowie des weiteren Konsumgüter und Chemieprodukte.Auch mit Blick auf die Direktinvestitionen spielen die Briten eine große Rolle für deutsche Unternehmen: Insgesamt investierten deutsche Firmen seit dem Zweiten Weltkrieg fast 46 Mrd.DM (Stand: Mitte 1996) in Großbritannien, reinvestierte Gewinne und Auslandskredite nicht mitgerechnet.Umgekehrt flossen aus Großbritannien 17,3 Mrd.DM nach Deutschland, zuletzt vor allem in die neuen Bundesländer.Größte deutsche Investoren in Großbritannien sind unter anderem Siemens, BMW, Bosch und Mercedes-Benz sowie die Ölgesellschaft Deminex. "Die Briten bieten viele Anreize", erläutert Handelskammerchef Balzer.Steuervorteile, positive gesetzliche Rahmenbedingungen, niedrige Umweltauflagen und ein schnell reagierender Behördenapparat lockten deutsche Firmen über den Ärmelkanal.Unter Blair dürfte sich daran seiner Einschätzung nach nicht viel ändern.Ob die Körperschaftssteuer aber tatsächlich auf Jahre hinaus nicht erhöht wird, wie der Labour-Chef im Wahlkampf versprach, "bleibt allerdings abzuwarten".Vorbehalte deutscher Unternehmen gegen eine Labour-Regierung gebe es nicht, "die jetzige Labour ist schließlich nicht mit der von 1992 zu vergleichen".Offen ist nach Einschätzung Balzers vor allem der künftige Europakurs Blairs.Die Teilnahme der Briten an der Europäischen Währungsunion ­ ein gewichtiges Entscheidungskriterium für deutsche Investionen ­ sei unter Labour ebenso ungewiß wie unter den Konservativen von John Major.

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