Ladenmieten in Berlin : Preise schnellen in die Höhe

Die Mieten im Berliner Einzelhandel steigen. Vielen Händlern geht die Puste aus. Doch nicht jede Erhöhung ist gerechtfertigt.

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17 Euro statt 11,25 Euro pro Quadratmeter. Nach der Mieterhöhung ist Jan Gronow (links) und Jörg Herpig die Danziger Straße zu teuer geworden. Mit ihrem Rollerfachgeschäft „Rollerdealer“ ziehen sie jetzt um. Foto: doris spiekermann-klaas TSP
17 Euro statt 11,25 Euro pro Quadratmeter. Nach der Mieterhöhung ist Jan Gronow (links) und Jörg Herpig die Danziger Straße zu...Foto: doris spiekermann-klaas TSP

Die Schlecker-Filialen sind Stephan Grupe ein Dorn im Auge. Seit der Pleite der Drogerie-Kette stehen viele der Läden immer noch leer. Und: „Leerstand tut nie gut“, sagt der Immobilienmakler – weder der Nachbarschaft noch dem Immobilienmarkt. Zum Glück fallen die Überbleibsel der Schlecker-Pleite aus dem Rahmen. In ganz Berlin wird Leerstand bei Einzelhandelsimmobilien abgebaut.

Ein 100-Quadratmeter-Standardladen in einer der 63 umsatzstärksten Handelslagen Berlins kostet durchschnittlich bereits knapp 50 Euro pro Quadratmeter. Das hat das Maklerbüro Grupe für seine „Handelsindex“-Broschüre ermittelt. Das ist eine Steigerung von 9,8 Prozent im Vergleich zum letzten Index aus dem Jahr 2011/2012.

Stephan Grupe deutet die Entwicklung als ein „positives Signal“. Der Zuzug einkommensstarker Gruppen beschert dem Einzelhandel offenbar gute Geschäfte. Steigende Ladenmieten sind die logische Konsequenz. In „Kreuzkölln“, dem Norden von Neukölln, schlägt sich die Aufwertung des Kiezes schon mal in Mietsteigerungen von 25 Prozent nieder. Plötzlich steht der Kottbusser Damm auf einer Stufe mit dem Ku’damm (28 Prozent Mietsteigerung in den vergangenen fünf Jahren).

Von einem Verdrängungseffekt im großen Stil will die Industrie- und Handelskammer (IHK) in Berlin aber nichts wissen. „Im Großen und Ganzen würde ich sagen: Der Markt funktioniert“, meint Karla Leyendecker, Branchenkoordinatorin für Bauen und Immobilienwirtschaft bei der IHK Berlin. Die wenigsten Läden seien zum Umzug gezwungen. „Das Geschäft gibt die höheren Mieten auch her“, sagt Leyendecker, nur um dann hinzuzufügen: „Obwohl sich einige Lagen umsatzmäßig noch unterdurchschnittlich entwickeln und entsprechend nicht zu höheren Mieten angeboten beziehungsweise nachgefragt werden können.“ Ein Händler aus Prenzlauer Berg drückt es schlichter aus: „Unsere Kunden haben definitiv nicht mehr Geld“, gibt Jörg Herpig vom Rollerdealer in der Greifswalder Straße zu bedenken. Sein Ex-Vermieter in der Danziger Straße verlangte trotzdem statt 11,25 plötzlich 17 Euro Kaltmiete – „wegen der angeblich guten Lage“, klagt Mit-Inhaber Jan Gronow. Da wollten die Rollerdealer nicht mehr mitmachen. Das Roller-Fachgeschäft samt Werkstatt hat am 6. Juni Umzugstermin. Die Ladenmieten steigen, weil die Berliner mehr kaufen? „Das ist Quatsch“, meint Herpig.

Tatsächlich geht der Kaufkraft-Index der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) davon aus, dass die reale Kaufkraft der Berliner seit 2005 relativ konstant geblieben ist. Wenn also der Einzelhandelsumsatz im selben Zeitraum von 16,2 Milliarden Euro auf 17,8 Milliarden geklettert ist, dann dürfte das vor allem den Touristen zu verdanken sein. Steil bergauf geht es entsprechend in den Einkaufszentren der City West und Ost. Hier beherrschen große internationale Handelsketten das Bild. In der Tauentzienstraße verzeichnet die IHK gar eine Spitzenmiete von 350 Euro pro Quadratmeter. In den Einzelhandelslagen aber, wo weniger als 500 Passanten pro Stunde vorbeikommen, gelten andere Regeln. Wer hier seine Ladenmiete anpassen will, verspekuliert sich schnell – und muss gegebenenfalls langen Leerstand in Kauf nehmen.

Genau dieses Schicksal droht auch dem früheren Rollerdealer-Standort, glauben die Ex-Mieter. Der Laden liegt zwar nahe einer großen Kreuzung. Aber: „Eigentlich ist das eine tote Ecke“, so Gronow. Die Vergleichsmiete in der Gegend liege bei zwölf Euro. Immerhin: Zwei Filialen der Sparkasse und der Deutschen Bank bringen Laufkundschaft für die umliegenden Läden. Aber 17 Euro kalt? „Das will keiner zahlen“, ist sich Herpig sicher. Und so sieht es in vielen Ecken von Prenzlauer Berg aus. Flächen sind vorhanden. Sie sind den meisten Betrieben nur zu teuer. In solchen Fällen sieht Makler Grupe seine Aufgabe darin zu vermitteln. Meistens seien die Vermieter bereit, dem Mieter entgegenzukommen, berichtet Grupe. „Die wollen in der Regel nicht den letzten Euro rausquetschen.“

Zu Verhandlungen kam es beim Rollerdealer erst gar nicht. „Wir hatten das Glück, dass wir gleich etwas gefunden haben“, sagt Gronow. Der neue Standort in der Greifswalder Straße liegt nicht mehr direkt an der Straße. „Zu finden ist es dadurch natürlich schwieriger“, gibt Gronow zu. Sorgen, dass die Kunden ausbleiben könnten, macht er sich trotzdem nicht. Bereits seit neun Jahren betreiben er und Herpig ihren Laden. Die Stammkundschaft werde den Umzug schon mitmachen, so die Hoffnung. Alles in allem überwiegen die Vorteile des Umzugs. Die Miete ist deutlich günstiger und der Laden größer. „Das Objekt ist top, auch von der Ausstattung her“, sagt Herpig.

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