Wirtschaft : Ladislaus Elischer

Geb. 1935

David Ensikat

„Wenn jemand was will, soll er kommen“, sagte er, malte und wartete. Er hatte einen Traum. Einmal ans Nordkap, am liebsten mit dem großen Segelschiff. Vorbei an den Fjorden, die sein Vater als Soldat fotografiert hatte, bis ganz nach oben, wo das Land nicht weitergeht. Das Licht, die Weite, keine Grenzen.

Das war der Traum eines Malers in der DDR. Die Sehnsucht und das Wissen: Es geht alles auch ganz anders. Wenn man uns nur ließe.

Als man ihn ließ, fuhr er aber doch nicht hin. Ladislaus Elischer war niemals am Nordkap. Einmal ist er nach dem Mauerfall nach Madeira geflogen, einmal war er in Dänemark. Das war’s an weiter Welt. Den Rest guckte er sich im Fernsehen an.

Dabei hatte er so viele Bilder gemalt, denen man seinen DDR-Traum ansieht. Dünenlandschaften, von schmalen Wegen durchschnitten, die den Blick auf Strand, Meer und Horizont freigeben. Das Meer, in das ein langer Steg hineinragt. Die Berliner Mauer, riesengroß bei Nacht, aus dem Wachturmscheinwerfer ein gleißender Lichtkegel in Richtung Westen.

Die Mauerbilder verbarg er in der Tiefe seines Ateliers, von seinem Traum erzählte er nur den Freunden – das machte nichts, die träumten solche Träume auch. Mit offiziellen Stellen legte sich Ladislaus Elischer nicht an. Offizielle Stellen verliehen ihm mal einen Kunstpreis für ein Stadtgemälde. Das war keines jener Bilder, auf denen er das alte, zerbröselnde Berlin festgehalten hatte. Es war ein Bild vom Neubaublock Friedrichstraße Ecke Unter den Linden. Der Maler hat es nach der Preisverleihung zu Hause zerschnitten. Den Preis behielt er.

Ladislaus Elischer hat seine Heimat geliebt, nicht die DDR. Er hat sich eingerichtet. Er war nicht besonders ehrgeizig, da ging das gut. Den Kunstbetrieb mit seinen Eitelkeiten und den Besserwissern mied er, zu Ausstellungen anderer ging er nicht hin. Mit einer eigenen Ausstellung pro Jahr in einer Kunsthandlung am Gendarmenmarkt gab er sich zufrieden.

Ladislaus Elischer wollte leben und wollte malen, der Staatliche Kunsthandel des Landes wollte schöne Bilder von ihm haben. Die waren gut verkäuflich, Schalck-Golodkowskis Leute brachten sie in den Westen und kamen mit Valuta zurück. Vom Westgeld sah der Künstler zwar nichts, aber auch so konnte er ganz gut leben. Er fuhr einen weißen Lada, seine Frau musste nicht arbeiten, er hatte eine zweite Wohnung an der Ostsee, später ein Haus.

Die Mauer hatte er damals ganz heimlich gemalt, vom Auto aus, in schnellen Zügen auf Skizzenpapier, dann im Atelier auf Leinwand. Bilder, die niemand sehen durfte – und schon gar nicht kaufen. Als es die Mauer endlich nicht mehr gab, verflog Ladislaus Elischers Euphorie recht bald – so wie die vieler anderer in seinem Alter. Er hatte sich doch eingerichtet.

Plötzlich kamen die Staatlichen Kunsthändler nicht mehr vorbei, um seine bunten Landschaftsbilder zu kaufen, die DDR-Fernsehzeitschrift ging ein, für die er immer die Kinderseite gemalt hatte, der Kunsthandel am Gendarmenmarkt, der seine Bilder immer zum Jahresende ausgestellt hatte, machte auch zu.

Und Ladislaus Elischer wollte doch nur leben und malen. Er wollte sich nicht um Ausstellungen kümmern und ums Verkaufen. „Wenn jemand was von mir will, dann soll der kommen“, sagte der Maler und malte weiter und wartete. An der Ostseeküste, in der Nähe seines Hauses hing ein Schild mit einem seiner leuchtenden gelb-blauen Dünenbilder und seiner Atelier-Adresse – und irgendwann kamen die Leute. Es war ja keine anstrengende, schwer deutbare Kunst, die in Elischers Atelier hing. Das waren Bilder mit Ostseelandschaften, alten Häusern und Windmühlen und auch Berlin-Ansichten, oft eine Collage aus großem Ölbild und Kohleskizzen. Das waren Bilder, die Anwälte und Ärzte sich gern in ihre Kanzlei oder Praxis hängen.

Es sprach sich herum, was man vom Elischer bekam, und immer öfter konnte er wieder stolz sagen: „Ich hab’ ein Format verkauft.“ Formate, das waren die großen Bilder in Öl, die Geld brachten.

Wenn er ein Format verkauft hatte, kaufte Ladislaus Elischer irgendwas Neues fürs Haus an der Ostsee. Da baute er immer herum. Er sparte nicht. Er hatte keine Träume, für die er hätte sparen können.

In die Ferne reisen? Ans Nordkap? Er sagte, er müsse arbeiten, er habe keine Zeit für so was. Ladislaus Elischer ist der Traum von der Ferne abhanden gekommen, als sie erreichbar wurde.

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