Wirtschaft : Lästige Akten

Die Schweizer Justiz ermittelt beim insolventen Fifa-Sportvermarkter ISL. Der Verdacht: Korruption

Jean Francois Tanda[Zürich]

Schon seit längerer Zeit hat der FußballWeltverband Fifa die Schweizer Justiz am Hals. Ein Sonderermittler des Kantons Zug führt eine Strafuntersuchung wegen „ungetreuer Geschäftsbesorgung zum Nachteil der Fifa“ durch – ein Delikt, das nach Schweizer Recht nur jemand begangen haben kann, der für die Fifa tätig war oder ist. Die Ermittlungen leitet Thomas Hildbrand, Experte für Wirtschaftskriminalität. Am 3. November 2005 führte er im Fifa-Hauptsitz in Zürich eine Razzia durch. Dabei ließ er die Büros von Präsident Joseph Blatter und seines Generalsekretärs Urs Linsi durchsuchen.

Hildbrand verdächtigt die Fifa, einen Deal finanziert zu haben, der in Züricher und Zuger Anwaltskreisen „Korruptionsverdunkelungsvertrag“ genannt wird. Maßgeblich mitgeprägt hat den Deal Professor Peter Nobel, Blatters Anwalt für persönliche Angelegenheiten. Dies geht aus einem letztjährigen Entscheid des Schweizerischen Bundesgerichtes, des obersten Gerichts des Landes, hervor. Der Vertrag soll dazu gedient haben, Geld zurückzubezahlen, das Sportfunktionäre einst vom Sportvermarkter International Sports & Leisure (ISL) kassiert haben sollen. Die ISL war langjährige Vermarktungspartnerin der Fifa; sie ging am 21. Mai 2001 in die Insolvenz.

Wenige Tage nach der Insolvenz erstattete die Fifa Strafanzeige gegen ihre ehemalige Partnerin ISL, deren Aufsichtsratschef Jean-Marie Weber war, ein langjähriger Freund und Geschäftspartner von Blatter. Vier Jahre lang ermittelte die Zuger Justiz gegen sechs ISL-Verantwortliche wegen Vermögens-, Konkurs- und Betreibungsdelikten. Zurzeit liegt der 300-seitige Untersuchungsbericht bei der Staatsanwaltschaft in Zug; diese will die Akten „in den nächsten Monaten“ an das Strafgericht überweisen, verlautete auf Anfrage.

Die drohenden Strafprozesse sind längst nicht mehr im Sinne der Fifa. Vier Jahre, nachdem sie mit ihrer Strafanzeige die Ermittlungen erst auslöste, erklärte Blatter am 29. Juni 2004 namens der Fifa das „Desinteresse“ an einer weiteren Strafverfolgung der ISL-Manager – drei Monate nach Abwicklung des Vertrages durch Blatter-Anwalt Nobel. Über ein Konto von Nobel flossen 2,5 Millionen Franken. Als Gegenleistung sind seither, laut Präambel des Vertrages, alle Personen vor Geldrückforderungen geschützt, die „direkt oder indirekt mit dem Fußballgeschäft verbunden“ sind.

Auf Geld verzichtet hat damit Thomas Bauer, Insolvenzverwalter der ISL. Nach dem ISL-Milliardenkonkurs entdeckte er Zahlungen, die zuletzt über die Stiftung Nunca in Liechtenstein in den Offshore-Geldhafen British Virgin Islands führten. Dort war die Sunbow S.A. beheimatet, ebenso eine ISL-Gesellschaft wie die Stiftung Nunca. Allein zwischen Juni 1999 und Januar 2001 flossen mindestens 21 Millionen Franken über diesen Geldkanal. Empfänger waren laut Schweizer Bundesgericht „Persönlichkeiten und Entscheidungsträger des Weltsports“.

Insolvenzverwalter Bauer wollte zu Händen der ISL-Konkursmasse den Teil der Zahlungen zurück, die im letzten Jahr vor dem Konkurs getätigt wurden. Er klagte rund 20 Personen an und zog seine Klage erst zurück, nachdem der Vertrag von Nobel unterschrieben war und Blatters persönlicher Anwalt die 2,5 Millionen Franken in die Konkursmasse einbezahlt hatte. Fifa-Sprecher Andreas Herren sagte auf Anfrage, die Fifa könne und wolle zum gesamten Themenbereich keine Stellung nehmen.

Der Autor ist Fifa-Experte bei der Schweizer „Sonntagszeitung“.

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