Wirtschaft : Lagarde macht Wahlkampf in Brasilien Französin droht Gegenkandidat für IWF-Spitze

Holger Alich/Bernd Kupilas (HB)

Paris/New York - Die Chancen von Frankreichs Finanzministerin Christine Lagarde, neue Generaldirektorin des Internationalen Währungsfonds (IWF) zu werden, sind gestiegen. Aus der deutschen Delegation hieß es am Rande des G-8-Gipfels in Deauville, „dass es an der Benennung von Lagarde eigentlich kaum mehr Zweifel gibt“. Die USA haben ihre Position offiziell noch nicht offengelegt, doch wurde eine Bemerkung von Außenministerin Hillary Clinton wie eine Bestätigung gewertet: „Offiziös und persönlich bin ich eine starke Anhängerin der Idee, qualifizierten Frauen die Chance zu geben, internationale Organisationen zu leiten“, hatte sie gesagt. Und Russlands Präsident Dmitrij Medwedjew erklärte in Deauville, dass „ein Konsens fast erreicht ist.“

Nur: Eine offizielle Unterstützung für Lagarde haben sich die acht großen Industriestaaten verkniffen. „Das ist hier nicht der Ort dafür, da andere wichtige Partner fehlen“, erklärte Bundeskanzlerin Angela Merkel. Solch eine Unterstützung hätten Brasilien und China als neue Provokation empfunden. Vor allem Brasilien will nicht hinnehmen, dass stets ein Europäer an der Spitze des IWF steht.

Daher dürfte in den Schwellenländern wohlwollend zur Kenntnis genommen werden, dass plötzlich ein neuer Name die Runde macht: Stanley Fischer. Der israelische Notenbankchef erwäge eine Gegenkandidatur, schreibt das „Wall Street Journal“. Fischer rechne sich Außenseiterchancen aus. Er ist Amerikaner, aber kein offizieller Kandidat der US-Regierung. Für ihre Unterstützung Lagardes würden die USA wohl im Gegenzug ihren Kandidaten für den Posten der Nummer zwei beim IWF problemlos durchsetzen: David Lipton, Wirtschaftsberater im Weißen Haus. Angesichts dieser sich abzeichnenden Rollenverteilung käme eine Kandidatur Fischers für die US-Regierung ungelegen.

Fischer bekleidete diverse Spitzenämter etwa bei der Citigroup, der Weltbank und dem IWF. Im Jahr 2000 hatte er sich schon einmal für die IWF-Führung beworben, damals verweigerten ihm die Amerikaner ihre Unterstützung. Lagarde bricht am heutigen Montag nach Brasilien auf, um für ihre Kandidatur zu werben. Sie wolle alle aufstrebenden Volkswirtschaften besuchen, um ihnen die Sorge zu nehmen, dass sie eine IWF-Chefin nur im Dienste Europas sei, kündigte sie vor der Abreise an. Holger Alich/Bernd Kupilas (HB)

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