Wirtschaft : Land ohne Mut

Japan steckt seit Jahren in der Misere

Martin Kölling

Tokio. Deflation ist ein tückischer Tod, weiß Matsuichiro Tanaka. „Erst haben sich alle gefreut, dass sie billig einkaufen können“, sagt der 53-jährige Besitzer einer Apotheke in Goubara in der abgelegenen japanischen Provinz Tottori. „Dann gingen die Gehälter runter, jetzt wird auch noch Personal entlassen. Der Teufelskreis hat sich geschlossen.“

Tanaka sieht man die Not nicht an. Im Seidenhemd sitzt er am Küchentisch. Vor dem Haus parkt ein Toyota Crown, der Mercedes Japans. Doch im Dorf ist wie unter dem Brennglas zu sehen, was acht Jahre Preisverfall anrichten. Der Fischhändler, der Krämer, der Wirt haben einer nach dem anderen geschlossen, die Häuser verfallen. Auch Tanaka müsste die vom Vater geerbte Apotheke schließen, würde er nicht in der Präfekturklinik gut verdienen. Die Kundschaft kauft lieber in den Großapotheken der Stadt.

Ähnliches passiert überall. Firmen, Versicherer, Banken gehen zu tausenden Pleite. Die Arbeitslosenrate erreichte 2002 mit 5,4 Prozent einen neuen Rekord. Die teuren Konjunkturprogramme verpuffen, auch der negative Realzins ist wirkungslos. Trotz gelegentlichem Wachstum ist die Wirtschaftsleistung auf den Stand von 1994 gesunken.

Firmen und Staat verstärken die Krise noch: Sie sparen an Investitionen und öffentlichen Bauprojekten. Selbst Beamte verdienen mancherorts bis zu zehn Prozent weniger. Bereits 30 Prozent der Arbeitskräfte sind nur noch befristet beschäftigt – weil es billiger ist. Aber damit erodieren Kaufkraft und Steuerbasis immer mehr – so schnell können Staat und Wirtschaft die Kosten gar nicht senken. Einen Ausweg suchte die Regierung Koizumi bislang vergeblich. Vor allzu strengen Reformen warnt gar der Internationale Währungsfonds – sie könnten wegen des zu erwartenden Nachfrageausfalls die Deflation verstärken. Doch Koizumi zeigt sich stur. Die Folge für die Gesellschaft ist fatal, findet Apotheker Tanaka: Resignation. „Wenn Krieg wäre, würden alle gemeinsam den Aufbau anpacken. Aber die Deflation trifft nicht alle gleich. Der Einzelne fühlt sich isoliert.“ Er macht ein mutloses Gesicht. „Früher sagten die Leute, dass es irgendwann besser wird. Heute sagt das keiner mehr.“

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