Landwirtschaft : Eine Milliarde für weniger Weinberge

Die EU will Anbauflächen stilllegen, Subventionen sparen und den Export europäischer Weine fördern.

Thomas Gack
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Lecker, teuer, umstritten. Die Widerstände deutscher Weinbauern gegen die EU-Pläne sind groß. -Foto: ddp

BrüsselDie Europäische Kommission hat am Mittwoch einen Fünf-Jahres-Plan vorgelegt, um die Weinproduktion zu drosseln und die Branche international wettbewerbsfähiger zu machen. Nicht kostendeckend arbeitende Weinbauern sollen mit großzügigen Hilfen zu einer Stilllegung ihrer Weinberge bewegt werden. Durch einen Abbau bisheriger Subventionen könnte die EU zugleich 1,3 Milliarden Euro im Jahr sparen. Die für den Weinbau zuständige EU-Agrarkommissarin Mariann Fischer Boel begründete ihre Initiative, die sie seit knapp einem Jahr mit allen möglichen Betroffenen diskutiert hat, am Mittwoch in Brüssel: „Wir verschwenden derzeit viel zu viel Gelder für die Beseitigung von Weinüberschüssen, statt unsere internationale Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern und den Absatz unserer Weine zu fördern. Eine grundlegende Reform ist deshalb unerlässlich.“

Die EU wird künftig 120 Millionen Euro im Jahr für Marketing-Kampagnen bereitstellen, damit die europäischen Weine im Ausland besser verkauft werden können. Um zu Hause die Kosten drastisch zu senken, schlägt die EU-Kommission vor, die Subventionen für die Destillation von Weinüberschüssen in Industriealkohol völlig zu streichen. Dem Rotstift zum Opfer fallen sollen auch die EU-Beihilfen für die private Lagerung und die Ausfuhrerstattungen.

Während vor allem in Spanien die Streichung der Subventionen für die Destillation von Wein auf Proteste stößt, lehnt der Deutsche Weinbauverband das geplante Verbot der Zuckerung mit dem billigen Rübenzucker strikt ab. Da der Rebensaft im sonnenarmen Norden aber in vielen Fällen angereichert werden muss, um auf den notwendigen Alkoholgehalt zu kommen, werden deutsche Winzer in Zukunft zum süßen Most aus dem Süden greifen müssen. Die Zuckerung mit Most wird künftig allerdings teurer, weil auch er künftig nicht mehr subventioniert werden soll.

Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer (CSU) sagte in Berlin, er werde den EU-Plänen „auf keinen Fall“ zustimmen. „Es kann nicht sein, dass Deutschland einerseits nicht zu den Überschussproduzenten gehört und andererseits nun zu den Hauptbetroffenen der Reform zählt“, erklärte Seehofer.

Um auf dem europäischen Weinmarkt Angebot und Nachfrage wieder ins Gleichgewicht zu bringen, stellt die Brüsseler Behörde in den nächsten fünf Jahren mehr als eine Milliarde Euro zur Verfügung, mit der die freiwillige Rodung von bis zu 200 000 Hektar Weinflächen gefördert werden soll. Vor allem alten Winzern soll mit Einmalzahlungen von bis zu 7174 Euro pro Hektar der Ausstieg erleichtert werden. Die Mitgliedstaaten können allerdings aus umweltpolitischen Gründen die Rodung von Steilhängen begrenzen. Außerdem müssen die dann freien Flächen anderweitig verwendet, aber auf jeden Fall im Sinne der Erhaltung der Umwelt gepflegt werden. Von 2014 an sollen dann auch die Beschränkungen für die Neubepflanzung fallen: Wer seinen Wein auf dem Markt absetzen kann, der soll auch so viel Reben anbauen können wie er will.

Mit ihren Vorschlägen will die Agrarkommissarin eine Art Quadratur des Kreises versuchen: Einerseits schielt sie offensichtlich nach den Methoden der Konkurrenz aus der Neuen Welt: Einfachere und griffigere Etikettierung, nur noch Einstufungen in zwei Qualitätsklassen: „Weine mit geographischer Angabe“ und Weine „ohne geographische Angabe.“ Lockerung der Regeln für die Herstellung wie zum Beispiel die Zulassung von Eichenholzchips anstelle der teueren Lagerung in Barrique-Fässern. Andererseits beharrt die Kommission auf der Senkung der Kosten und auf den „besten Traditionen des europäischen Weinbaus“.

Alles zusammen wird kaum gelingen. Die Weinbauländer werden der Agrarkommissarin in den nächsten Monaten Wasser in den Wein gießen. Die baden-württembergische Europaabgeordnete und Agrarexpertin Elisabeth Jeggle sieht nur einen Ausweg aus dem Dilemma: Die Regionalisierung der Weinbaupolitik. „Sollen doch die Weinbauregionen“, so meint sie, „selbst entscheiden, ob sie roden wollen oder nicht und ob sie aus der eigenen Kasse Geld für die Destillation ausgeben wollen.“

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