Landwirtschaft : Für eine Handvoll Körner

Enttäuschende Erträge nach den Wetterkapriolen – Versorgungsengpässe drohen jedoch nicht. „Bauern müssen sich auf das Auf und Ab bei den Preisen einstellen“, sagte Getreideexperte Klaus Kliem.

Laura Gitschier
Mieses Ergebnis. Die Preise für Getreide sind in diesem Jahr gestiegen, aber der Ertrag der Äcker war schlecht. Foto: ddp
Mieses Ergebnis. Die Preise für Getreide sind in diesem Jahr gestiegen, aber der Ertrag der Äcker war schlecht. Foto: ddpFoto: ddp

Berlin - Statt golden schimmernder Weizenfelder unter blauem Himmel gab es in diesem Jahr auf deutschen Äckern oft Halme mit hängenden Köpfen. Oder die Mähdrescher sanken in überfluteten Feldern ein. Nach der Hitzewelle im Juli folgte ein verregneter August. „Was in diesem Jahr mit dem Wetter passiert ist, übersteigt das Vorstellungsvermögen eines Ackerbauern“, sagte am Mittwoch Klaus Kliem, Getreideexperte beim Deutschen Bauernverband. Und die Wetterkapriolen haben deutliche Spuren in der Bilanz der Branche hinterlassen, die der Deutsche Bauernverband (DBV) am Mittwoch in Berlin präsentierte.

Die Ernte fiel in diesem Jahr in Deutschland deutlich schlechter aus als in den Vorjahren. Das unbeständige Wetter führte außerdem dazu, dass die Ernte bis heute noch nicht komplett eingefahren ist – zu einem ungewöhnlich späten Zeitpunkt. Besonders im Norden in Ländern wie Mecklenburg-Vorpommern oder Schleswig-Holstein stehen noch über 30 Prozent des Weizens auf den Feldern.

Die Getreideernte der deutschen Bauern sank insgesamt im Vergleich zum Vorjahr um knapp zwölf Prozent auf 44 Millionen Tonnen. Besonders hohe Verluste mussten die Landwirte beim Roggen hinnehmen, den es sowohl in Winter- als auch in Sommerform gibt: Hier sank die Ernte um rund 29 Prozent im Vergleich zum vergangenen Sommer.

„Die Ernte 2010 war eine Verlust- und Zitterpartie, wie ich sie noch nicht erlebt habe“, bilanzierte der Vorsitzende des Getreide-Ausschusses Kliem. Eine weitere schlechte Nachricht: Es gab nicht nur weniger Erträge – diese waren teilweise auch von schlechterer Qualität als sonst, beklagte der DBV. So konnte man beispielsweise nicht mehr jeden Weizen als Backweizen verwenden. Trotzdem: Von Versorgungsengpässen beim Getreide könne keine Rede sein, zerstreute Kliem die Bedenken. Auch aufgrund weltweit ausreichender Lagerbestände sei man in der Lage „die Bevölkerung auch weiterhin sicher und mit guten Qualitäten zu versorgen“. Befürchtungen, Nahrungsmittel könnten teurer werden und die Verbraucherpreise insgesamt steigen, sind also aus Sicht des Bauernverbandes nicht gerechtfertigt. Kliem warnte jedoch eindringlich vor möglichen Spekulationsblasen auf den Agrarmärkten. Warenterminbörsen seien zwar nötig. Aber die Investoren müssten mehr Eigenkapital einsetzen. Kliem hält Quoten von fünf bis 20 Prozent für angemessen – diese böten eine größere Gewähr dafür, dass sich auch die Spekulanten wie „ordentliche Kaufleute“ verhalten würden.

Eine erfreuliche Nachricht gibt es zumindest für die Produzenten auch. Die Preise für Getreide sind gestiegen. Kostete eine Tonne Brotweizen im März dieses Jahres noch circa 107 Euro, sind es aktuell schon rund 180 Euro. Auch der Preis für Raps stieg an. Der Verband betonte jedoch, dass die Preissteigerung die Einbußen nicht habe ausgleichen können – auch weil die Kosten für die Landwirtschaft durch erschwerte Erntebedingungen gestiegen seien, beispielsweise für die aufwendigere Trocknung des vom Regen durchnässten Getreides.

„Wir Bauern müssen uns auf das Auf und Ab bei den Preisen einstellen“, sagte Kliem. Die Entwicklung auf den volatilen Agrarmärkten mache eine aktive Marktbeobachtung und Risikovorsorge nötig. An die Politik richtete der Bauernverband deshalb die Forderung einer „Risikoausgleichsrücklage“ in der Bilanz der Betriebe. Übersetzt bedeutet diese Forderung, dass die Bauern in guten Jahren Geld steuerfrei zurücklegen dürfen.

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