Landwirtschaft : Wie gefährlich ist Massentierhaltung für Verbraucher?

Viele Kunden wollen keine Produkte aus Massentierhaltung. Wir sagen Ihnen, ob die Skepsis berechtigt ist.

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Tausende Tiere in einem Stall: In der Hähnchenmast ist das üblich. Nach nur 42 Tagen endet das Leben der Nutztiere und sie landen auf einem Esstisch.
Tausende Tiere in einem Stall: In der Hähnchenmast ist das üblich. Nach nur 42 Tagen endet das Leben der Nutztiere und sie landen...Foto: dpa

24 Hühner, zusammengepfercht auf einem Quadratmeter, Schweine, die sich in ihren Betonställen nicht umdrehen können und Rinder, die angekettet im Dunkeln stehen: Die Kritik an der Massentierhaltung nimmt zu, auch wegen der massiven Gabe von Antibiotika. Der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) fand in einer Stichprobe aus Supermärkten antibiotikaresistente Keime auf Hähnchenfleisch. Die Entstehung dieser Erreger wird durch den exzessiven oder falschen Einsatz von Antibiotika gefördert, die Keime können besonders bei anfälligen und alten Menschen tödliche Folgen haben. Aber das ist nicht der einzige Skandal. Vor einem Jahr hatte Dioxin in Futtermitteln und im Schweinefleisch für Aufregung gesorgt.

Der Trend

Wie viel Fleisch aus der Massentierhaltung kommt, ist schwer zu sagen, der Begriff ist nicht fest definiert. Klar ist: Der Trend geht hin zu Großbetrieben, weiß das Statistische Bundesamt. Blickt man auf die Masthühner, so leben fast alle in Beständen, die mehr als 1.000 Tiere umfassen. Mehr als 48 Millionen der insgesamt gut 67 Millionen Hühner wachsen in Betrieben mit 50.000 Tieren und mehr auf. Bei den Schweinen ist es ähnlich: 17,5 Millionen der 27,5 Millionen Tiere leben in Ställen mit 1.000 und mehr Artgenossen. Der Fleischmarkt ist fest in der Hand der Fleischindustrie: Der Anteil des Fleisches aus konventioneller Tierhaltung – alles außer Bio – liegt bei gut 99 Prozent. Es geht um einen Massenmarkt. Insgesamt wurden 2010 5,5 Million Tonnen Schweinefleisch, 1,2 Millionen Tonnen Rindfleisch und 1,4 Millionen Tonnen Geflügelfleisch produziert. Deutschland importiert aber auch viel Fleisch. Die Hauptbezugsländer sind Holland, Belgien und Frankreich. „Dort sind die Haltungsbedingungen vergleichbar mit unseren Großbetrieben“, sagt der Agrarökonom Achim Spiller, der an der Universität Göttingen lehrt.

Das kurze Leben der Masthähnchen
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1 von 5Quelle: Der Tagesspiegel/Klöpfel
23.01.2012 13:59

Die Qualität

Wie groß die Betriebe sind, sagt nicht unbedingt etwas darüber aus, wie viel Platz die Tiere haben oder wie gut sie behandelt werden. „Das Prinzip Masse statt Klasse ist längst widerlegt“, sagt Holger Eichele, Sprecher des Bundeslandwirtschaftsministeriums. Ställe mit vielen Tieren seien nicht generell schlechter als solche mit weniger Tieren. „Gerade neuere Großbetriebe erfüllen oft höchste Standards durch gute Lüftungssysteme oder moderne Boxen“, sagt Eichele. Wie gut es den Tieren gehe, hänge stark davon ab, wie der Bauer seinen Betrieb führe. Als Beispiel dient hier häufig die Rinderhaltung: In kleinen Betrieben werden die Tiere oft angebunden gehalten, während moderne Boxen in Großbetrieben mehr Freiraum ermöglichen. Allerdings stellen auch die Arbeitskräfte in großen Betrieben ein Risiko dar. „Während sich bei kleineren Beständen der geschulte Landwirt selbst um die Tiere kümmert, machen das in Riesenbetrieben andere Arbeitskräfte“, sagt Agrarökonom Spiller. Seien diese nicht gut geschult, gäbe es schnell Probleme mit dem Tierschutz.

Zu wenig Tierschutz

Viel wichtiger sei, sagt Spiller, wie dicht die Tiere zusammenstehen. In den meisten Betrieben leben sie auf engstem Raum, meist ohne Tageslicht und ohne Stroh. Bei Hühnern, Schweinen und Rindern führt das zu Stress, sie werden häufiger verhaltensauffällig und aggressiv. Vielerorts wird zudem über die Nutzung von Ausnahmegenehmigungen gegen das Tierschutzgesetz verstoßen. So werden vielen Schweinen die Schwänze kupiert und die Eckzähne abgeschliffen. Gegen solche Praktiken will Agrarministerin Ilse Aigner (CSU) vorgehen und das Tierschutzgesetz verschärfen.

Keine Gefahr für die Gesundheit

Die Massentierhaltung muss der Gesundheit der Verbraucher nicht schaden. Selbst die vom BUND in den Supermärkten entdeckten Keime machen nicht krank, wenn man auf Küchenhygiene achtet, sich nach dem Umgang mit dem Fleisch die Hände wäscht, Messer und Küchenflächen reinigt. Dennoch begünstigt die Haltungsform Tierkrankheiten. Bei dichtem Tierbestand breiten sich Infektionskrankheiten schnell aus. Die müssen mit Antibiotika bekämpft werden. Der exzessive Einsatz dieser Mittel kann jedoch die Entstehung von Resistenzen begünstigen. Doch kommt es auch hier viel auf die Stallhygiene an: Eine Studie des Verbraucherministeriums Nordrhein-Westfalen zeigt, dass die Antibiotika-Nutzung in Betrieben mit 50.000 bis 90.000 Hühnern geringer war als in der Größenklasse darunter. Die Massenproduktion von Fleisch hat jedoch noch einen anderen Nachteil: Es entstehen Unmengen von Gülle, die Böden und Grundwasser belasten. Den Treibhausgas-Ausstoß durch die gesamte Tierhaltung weltweit beziffert die Welternährungsorganisation auf 18 Prozent.

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