Wirtschaft : Langsames Wachstum

Die Wirtschaft legt im ersten Quartal nur um 0,4 Prozent zu – doch Ökonomen bleiben optimistisch

Carsten Brönstrup

Berlin - Die deutsche Wirtschaft ist im ersten Vierteljahr 2006 nur um 0,4 Prozent gewachsen und damit nicht so stark wie erhofft. Vor allem der Konsum der Bürger und die Investitionen der Unternehmen seien gestiegen, teilte das Statistische Bundesamt am Donnerstag mit. Wirtschaftsforscher zeigten sich aber zuversichtlich, dass der Aufschwung an Breite gewinnen wird.

Das Wachstum fiel geringer aus, als es nach der guten Stimmungslage bei Firmen und Verbrauchern erwartet worden war. Allerdings waren bereits zu Wochenbeginn Konjunkturdaten zu Industrieproduktion und Auftragseingang verhalten ausgefallen. Gleichwohl erwartet die Dresdner Bank weiterhin eine Konjunkturentwicklung wie zuletzt im Jahr 2000. „Wir glauben weiter an ein Wachstum von 2,2 Prozent in diesem Jahr“, sagte Michael Heise, Chefvolkswirt der Allianz, dem Tagesspiegel. Andere Banken und Institute liegen leicht darunter, die Regierung kalkuliert mit einem Plus von 1,6 Prozent. Der Bund sieht seine Prognose bestätigt. „Die gute Stimmung in der deutschen Wirtschaft wird zunehmend durch positive Daten untermauert“, erklärte Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU). Dagegen machte Anton Börner, Präsident des Außenhandelsverbandes BGA, die Regierung für die mäßige Konjunktur verantwortlich. „Die große Koalition ist nicht in der Lage, nachhaltiges binnenwirtschaftliches Wachstum zu generieren. Dafür wird sie irgendwann die Rechnung zahlen müssen“, sagte er dieser Zeitung.

Dem Statistischen Bundesamt zufolge sorgte zwischen Januar und Ende März weiterhin der Außenhandel für positive Impulse. Im Vergleich zum ersten Quartal des vergangenen Jahres wuchs die Wirtschaft sogar um 1,4 Prozent. Allerdings habe es durch die späte Lage der Ostertage einen „ungewöhnlich hohen Kalendereffekt“, also mehr Arbeitstage als im Vorjahr, gegeben. Ohne diese statistische Bereinigung hätte das Plus bei 2,9 Prozent gelegen. Die Wirtschaftsleistung erbrachten 38,3 Millionen Erwerbstätige, 55 000 weniger als vor einem Jahr.

Im europäischen Vergleich hinkt Deutschland allerdings hinterher. Für die Eurozone sowie die gesamte EU vermeldete das EU-Statistikamt einen Zuwachs um 0,6 Prozent. Die Europäische Zentralbank äußerte sich optimistisch für die kommenden Monate. Sie bestärkte ihren Plan, im Juni die Zinsen erneut um 0,25 Punkte auf 2,75 Prozent zu erhöhen.

Allianz-Experte Heise zufolge ist „der Funke des Aufschwungs auf die Binnenwirtschaft übergesprungen“. Auch Bau und Einzelhandel hätten ihr Tief nun offenbar überwunden. Allerdings müsse man die Konjunkturrisiken im Blick behalten. „Bei einem Ölpreis von 100 Euro pro Barrel und einem Dollarkurs von 1,40 Euro ergibt sich ein wesentlich ungünstigeres Szenario“, warnte Heise.

Für den Moment indes sieht der Deutschlandexperte Andreas Scheuerle von der Deka-Bank gute Perspektiven. „Im kommenden Quartal wird es dank der Fußball-WM noch ein wenig besser laufen“, sagte er. Zudem würden die Firmen wegen der anstehenden Erhöhung der Mehrwertsteuer beginnen, auf Halde zu produzieren – um für den erwarteten Konsumanstieg in der zweiten Jahreshälfte gewappnet zu sein. Und durch das wärmere Wetter werde sich auch der Bau in den kommenden Monaten gut entwickeln. Die bislang stets schrumpfende Branche hatte in den vergangenen Jahren die wirtschaftliche Bilanz oft getrübt.

Der Aufschwung kommt nach Ansicht der Forscher nun auch auf dem Arbeitsmarkt an. Momentan nutzten die Firmen noch Spielräume durch Überstunden und längere Maschinenlaufzeiten. „Die Zahl der Arbeitslosen wird sich bald leicht zurückentwickeln, aber der Aufschwung wird nicht die Jobverluste der jüngsten Wirtschaftskrise kompensieren“, sagte Deka-Mann Scheuerle. Auch Allianz-Chefvolkswirt Heise ist verhalten optimistisch. „Die Unternehmen stocken derzeit ihre Belegschaften auf.“ Laufe alles wie erwartet, werde die Beschäftigung im Jahresschnitt um 200 000 zunehmen. mit mod

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