Langzeitarbeitslose : Zurück auf die Schulbank

Kanzlerin Merkel will Arbeitskräfte vorrangig aus der Gruppe der Langzeitarbeitslosen rekrutieren. Doch aus Langzeitarbeitslosen lassen sich nur schwer Fachkräfte machen, meinen Arbeitsmarktexperten - und fordern Zuwanderung.

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Wieder auf der Schulbank: Arbeitslose bei einer Umschulung im brandenburgischen Ludwigsfelde. Foto: dpa
Wieder auf der Schulbank: Arbeitslose bei einer Umschulung im brandenburgischen Ludwigsfelde. Foto: dpaFoto: picture alliance / dpa-tmn

Berlin - Alles scheint so einfach in der Welt von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und CSU-Chef Horst Seehofer: Zwar fehlen in Deutschland Fachkräfte, doch unter den Langzeitarbeitslosen gibt es nach Meinung beider Politiker genügend. Seehofer ist der Meinung, dass weitere Zuwanderung „aus anderen Kulturkreisen“ nach Deutschland nicht nötig sei. Denn diese Zuwanderer täten sich schwer bei der Integration. Und Merkel ergänzte, dass Arbeitskräfte vorrangig „aus der Vielzahl von arbeitsfähigen, aber leider langzeitarbeitslosen Menschen in Deutschland“ rekrutiert werden müssten. Aber kann das funktionieren?

Als langzeitarbeitslos gilt, wer mindestens zwölf Monate ohne Arbeit ist. Im September dieses Jahres waren das hierzulande rund 916 000 Personen. Knapp die Hälfte davon, 431 000 Erwerbslose, haben eine betriebliche oder schulische Ausbildung, weitere 39 000 eine akademische Ausbildung. Zusammen ergibt das eine knappe halbe Million potenzieller Fachkräfte. Die erwarteten Lücken auf dem Arbeitsmarkt kann man damit nicht schließen. Allein in Berlin und Brandenburg werden in 20 Jahren eine halbe Million qualifizierter Arbeitskräfte fehlen. In Deutschland insgesamt könnten es fünf Millionen sein.

Die Chancen, aus Arbeitslosen Fachkräfte zu machen, schätzen Arbeitsmarktexperten als gering ein: „Bei den Langzeitarbeitslosen, die schon viele Jahre keinen Beruf mehr ausgeübt haben, ist es ein langer Weg zurück in den Arbeitsmarkt“, sagt Ulrich Walwei vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit. „Ihnen fehlt die Erfahrung, das Fachwissen und manchmal auch die Disziplin, sich wieder in den Berufsalltag einzugliedern.“ Hilmar Schneider, Direktor für Arbeitsmarktpolitik am Institut zur Zukunft der Arbeit, glaubt, dass auch fehlende Sozialkompetenz zu Langzeitarbeitslosigkeit führen kann. „Das lässt sich kaum noch verändern“, sagt er. Bei der Bekämpfung des Fachkräftemangels auf Langzeitarbeitslose zu setzen, sei „blauäugig“.

Für viele gibt es zwar die Möglichkeit, zunächst einfache Tätigkeiten zu wählen. Sie müssen dann aber im Betrieb weiterqualifiziert werden. „Für diesen Weg fehlt den meisten Unternehmen die Zeit“, sagt Walwei. Es sei viel leichter, Fachkräfte aus anderen Konzernen oder dem Ausland abzuwerben.

Viele Arbeitslose hätten zudem Abschlüsse, die wenig von den Unternehmen nachgefragt werden oder veraltet sind. Zum Beispiel ein Automechaniker, der vor 40 Jahren seine Ausbildung gemacht hat und heute die ganze Mechatronik neu lernen müsste. „Hier kann zwar umgeschult werden, doch der Erfolg ist nicht garantiert“, sagte Walwei. Dazu kommen häufig gesundheitliche Probleme. Knapp 25 Prozent der Langzeitarbeitslosen mit beruflicher Qualifikation sind bei der Bundesagentur für Arbeit mit gesundheitlichen Einschränkungen registriert, viele sind älter als 55 Jahre. „Meist finden Langzeitarbeitslose keine Anstellung als Fachkraft“, resümiert Walwei die Erfahrungen der Bundesagentur für Arbeit.

Fachleute üben auch Kritik an den Programmen, die Langzeitarbeitslose wieder für den Arbeitsmarkt fit machen sollen. „Die staatlichen Stellen setzen zu sehr auf kurzfristige und billige Maßnahmen statt auf wirkliche Qualifizierung“, sagt Wilhelm Adamy, der beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB), die Abteilung Arbeitsmarktpolitik leitet.

Anders als Merkel und Seehofer setzen die Experten auch auf Zuwanderung. Deutschland müsse attraktive Arbeitsbedingungen bieten, damit Fachkräfte aus dem Ausland ins Land kommen und die hiesigen Absolventen nicht abwandern. „Arbeitgeber und Staat können das stark beeinflussen, zum Beispiel über Löhne und Steuern“, sagt Walwei. Auch könnte es kurzfristig helfen, ältere Menschen länger im Job zu halten. „Wir haben uns viel zu lange den Luxus der Frühverrentung geleistet, und so das Potenzial Älterer verschenkt.“

Und längerfristig müssen nach Meinung der Experten auch mehr Frauen arbeiten. „Es ist zwingend, dass die Rahmenbedingungen verändert werden – so dass Mütter durch bezahlbare Betreuung Familie und Beruf besser vereinbaren können oder Arbeitsplätze altersgerecht gestaltet werden“, sagt Walwei. Der wichtigste Punkt für den Bonner Arbeitsmarktforscher Schneider ist dagegen die Modernisierung des Bildungssystems. Die Schulbildung der immer größer werdenden Gruppe der sozial schwachen Jugendlichen sei unbedingt zu verbessern. Das sei die wirkungsvollste Maßnahme zur Integration.

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