Wirtschaft : Lateinamerika: Argentinien droht ein Generalstreik

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Nach den heftigen Turbulenzen der vergangenen Tage gerieten die Wertpapier- und Devisenmärkte der meisten Emerging Markets zur Wochenmitte in ein etwas ruhigeres Fahrwasser. Ausgangspunkt für die sich zuvor deutlich zuspitzende Krise war erneut Argentinien. Der Gouverneur der Provinz Buenos Aires hatte am Dienstag erklärt, die hoch verschuldete Provinz stehe am Rande der Zahlungsunfähigkeit. Nachdem die argentinischen Gewerkschaften wegen der Pläne für Gehaltskürzungen im öffentlichen Dienst zum Generalstreik aufgerufen haben, hat sich die prekäre Situation in diesem Land noch weiter zugespitzt.

An den Märkten wird befürchtet, dass Argentinien gezwungen sein könnte, seinen Schuldendienst einzustellen und die Zahlungsunfähigkeit zu erklären. Die Schuldenlast des Landes entspricht rund der Hälfte seiner gesamtwirtschaftlichen Leistung. An den Märkten wird daher an der Realisierbarkeit des von der Regierungskoalition vorgelegten Null-Defizit-Plans gezweifelt. Dieser Plan sieht den gezielten Abbau der Verschuldung vor. Ungeachtet der in internationalen Finanzkreisen geäußerten Skepsis zeigte sich die Aktienbörse in Buenos Aires im Anfangsgeschäft von einer stabilen Seite. Der General-Index der Börse Buenos Aires wies ein leichtes Plus von 0,2 Prozent auf. Der Index hat von seinem im Oktober 1997 erreichten Rekordhoch mehr als 52 Prozent eingebüßt. Argentinien-Anleihen standen an den Bondmärkten wegen der anhaltenden Unsicherheiten dagegen weiter leicht unter Druck. Auch an den Aktienbörsen der lateinamerikanischen Nachbarn atmeten die Anleger zunächst einmal durch. Brasiliens Aktienbörse in Sao Paulo eröffnete 0,6 Prozent höher. Die brasilianische Notenbank hat wegen der Schwäche der Währung Real und wachsender Inflationsängste die Leitzinsen des südamerikanischen Landes erneut um 0,75 Punkte auf 19,00 Prozent angehoben. Das gab die Notenbank in Brasilia nach Schließung der Märkte am späten Mittwochabend (Ortszeit) bekannt. Die Maßnahme solle dazu beitragen, das Inflationsziel von sechs Prozent für das laufende Jahr zu erreichen.

Es handelt sich bereits um die fünfte Anhebung der Leitzinsen in Folge in diesem Jahr nach einer Senkung von 15,75 auf 15,25 Prozent im Januar.

Zu einer Stabilisierung der Wertpapier- und Devisenkurse kam es bei den meisten aufstrebenden Ländern Mittel- und Osteuropas. Lediglich Polen stellte eine Ausnahme dar. Nach negativen Konjunkturdaten stand der Zloty am Devisenmarkt erneut unter Druck. In der Türkei zogen die Aktienkurse um mehr als drei Prozent an. Die in den vergangenen Wochen sehr schwache türkische Lira wies - auch wegen angeblicher Stützungskäufe der Notenbank - zum US-Dollar ein Plus von etwa 1,8 Prozent auf. Die Renditen zweijähriger türkischer Festverzinslicher fielen von 100,2 Prozent auf zeitweise 97,5 Prozent.

Finanzmarkt-Analysten warnten allerdings davor, die Stabilisierung der Wertpapier- und Devisenkurse in den Emerging Markets zum Anlass einer frühzeitigen Entwarnung zu nehmen. Die Krise in Argentinien wurde als die erste richtige Bewährungsprobe für die nach der Asienkrise in den Jahren 1997 und 1998 von den Finanz- und Geldpolitikern der G20-Länder erarbeiteten neuen globalen Finanz-Architektur bezeichnet.

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