Wirtschaft : Lebenslanges Lernen

Die Zahl der über 50-Jährigen, die an Fortbildungen teilnehmen, steigt. So sichern sie sich in Zeiten des demographischen Wandels ihren Arbeitsplatz. Dennoch bescheinigen Experten älteren Arbeitnehmern noch immer „eine gewisse Weiterbildungsmüdigkeit“. Sie haben eher Angst zu versagen als Jüngere.

Lara Sogorski
Foto: dapd

Neben den anderen Studierenden fällt Berndt Otte sofort auf. Aber nicht, weil er etwa eine besonders spektakuläre Frisur trägt, oder einen ausgefallenen Kleidungsstil pflegt. Berndt Otte ist in diesem Jahr 52 Jahre alt geworden und übersteigt damit deutlich das Alter der meisten seiner Kommilitonen. Seit zwei Jahren belegt der Ausbildungsleiter der Berliner Wasserbetriebe den Masterstudiengang Bildungs- und Kompetenzmanagement an der Deutschen Universität für Weiterbildung (DUW). Derzeit sitzt er an seiner Abschlussarbeit.

„Mit dem Masterstudium wollte ich mich im Personalbereich weiterbilden und professionalisieren, außerdem neue Netzwerke zu anderen Personalern knüpfen“, sagt der 52-Jährige. Otte ist für seine Altersgruppe so etwas wie ein Musterbeispiel in Sachen Weiterbildung. Gehört er doch laut aktuellem Bildungsbericht zu den rund 38 Prozent, die auch mit über 50 Jahren noch entsprechende Angebote nutzen. Gerade die zunehmende Schnelllebigkeit der Gesellschaft und der demographische Wandel machen das Thema „Lebenslanges Lernen“ immer wichtiger.

„Unsere Arbeitsbereiche verändern sich immer schneller, und wir gehen auch noch mit fortgeschrittenem Alter unserer Arbeit nach“, erklärt Ada Pellert, Präsidentin der DUW in Berlin. „Man muss sich also heute schon deshalb regelmäßig weiterbilden, um auf seinem aktuellen Wissensstand und Kompetenzlevel zu bleiben.“

Diese Erkenntnis setzt sich bei der „Generation 50plus“ allerdings erst langsam durch. Experten bescheinigen älteren Arbeitnehmern nach wie vor eine gewisse Weiterbildungsmüdigkeit. Obwohl die Zahl derer, die sich auch im fortgeschrittenen Alter noch für eine berufliche Fortbildung entscheiden, in den vergangenen vier Jahren um vier Prozentpunkte gestiegen ist. „Lernen im Alter bringt vor allem mehr Sicherheit am Arbeitsplatz. Und der Beruf macht meist nachher umso mehr Spaß, wenn man einmal das gewohnte Umfeld seines Themenbereichs verlassen und seinen Horizont erweitert hat“, beschreibt Pellert.

Es hängt also nicht von einer bestimmten Berufsgruppe ab, für wen sich eine Weiterbildung lohnt. Wie bei Berndt Otte stehen persönliche Ziele im Vordergrund. „Ich habe vor zwei Jahren einfach gemerkt, dass ich einen beruflichen Wendepunkt brauchte. Ich glaube, dass ist für Männer um die 50 Jahre ganz typisch. Der Wunsch, einen Schnitt zu machen, das Vergangene zu reflektieren und sich noch einmal zu verändern“, sagt er. Immerhin habe er ja noch gut 15 Jahre Berufsleben vor sich.

„Wer sich im fortgeschrittenen Alter weiterbildet, will in der Regel entweder sein Wissen sachlich vertiefen oder noch einmal über den Tellerrand hinausschauen, um sein Fachgebiet zu erweitern“, weiß DUW-Präsidentin Pellert.

Einen guten Überblick über Fortbildungen in Berlin und Brandenburg gibt eine länderübergreifende Weiterbildungsdatenbank. Dort werden alle Kurse verschiedener Anbieter gesammelt und nach bestimmten Suchbegriffen und Postleitzahl angezeigt. „Die Weiterbildungsangebote sind vorrangig zielgruppenspezifisch und weniger altersmäßig ausgerichtet“, sagt Heidrun Saalfrank, Projektleiterin für Weiterbildungen in Brandenburg. So komme es bei der Wahl eines Angebots eher darauf an, welche Fähigkeiten man mitbringe und welche Ziele man vor Augen habe. Das Interesse an Kursen für PC und Internet, Bildbearbeitung, Sprachen und Buchhaltung sei besonders groß.

Wer gezielt nach Angeboten ab 50 sucht, bekommt in der Weiterbildungsdatenbank zum Beispiel durch den Suchbegriff „ältere“ erste entsprechende Ergebnisse. Etwa Sprachkurse in Englisch und Französisch, Computergrundkurse oder eine Einführung in das E-Mail-Schreiben. Fortbildungen speziell für die Generation 50plus bietet in Brandenburg außerdem die „Akademie 2. Lebenshälfte“.

„Wer sich unsicher ist, welches Angebot das richtige ist, sollte auch die persönliche Bildungsberatung nutzen und so sein Anliegen im Detail besprechen“, rät Saalfrank. Wer noch gar keine konkrete Vorstellung habe, könne zudem den so genannten WB-Bildungsplaner auf der Homepage für Weiterbildungen in Brandenburg ausprobieren, um sich über die eigenen Kompetenzen bewusst zu werden und den Bildungsbedarf zu ermitteln. „Die Ergebnisse sind eine gute Grundlage auf der Suche nach passenden Weiterbildungskursen“, so Saalfrank.

Warum sich ältere Arbeitnehmer teilweise nur zögerlich an Weiterbildungsangebote heranwagen, liegt auch an der Sorge, sie könnten versagen: „Gerade ältere Arbeitnehmer haben Angst, ihr Gesicht zu verlieren, falls sie mit neuem Stoff nicht so schnell zurechtkommen“, sagt Rolf Kuhlmann, Leiter des Projekts JobMotion der Zukunft im Zentrum GmbH. Das Projekt unterstützt vor allem kleine und mittlere Berliner Unternehmen in ihrer Personalarbeit. „Manche haben auch noch einen Schulschock, weil für sie Lernen immer ein Muss war.“ Um diese Erfahrung zu heilen, seien vor allem der Arbeitgeber und die Kollegen gefragt. „Das Unternehmen muss eine Kultur schaffen, in der die Beschäftigten für ihre Mühe und ihren Einsatz Anerkennung bekommen und motiviert werden.“

In der Praxis funktioniere das auch schon recht gut, sagt Ada Pellert von der DUW: „Viele Unternehmen unterstützen ihre älteren Arbeitnehmer bei Weiterbildungen schon viel besser als noch vor einigen Jahren.“ Es setzte sich mehr und mehr das Bewusstsein durch, dass ein Unternehmen in die Leute investieren müsse, die es hat – statt zu versuchen, sie einfach auszutauschen: „Dabei geht es auch darum, eine möglichst individuelle Förderung zu ermöglichen. Das ist am Anfang natürlich zeitaufwendiger und kostenintensiver, am Ende aber effizienter und damit nachhaltiger.“

Berndt Otte stößt mit seinem Studium auf unterschiedliche Reaktionen. Für seine Kommilitonen scheine es ganz normal, dass er als Älterer mit ihnen studiere, für die jüngeren Leute aus dem Kollegium hingegen weniger. „Aber ich habe niemals daran gezweifelt, dass ich es schaffen kann.“ Natürlich sei es eine enorme Belastung, neben einem Vollzeitjob einen Master zu machen. „Das habe ich bestimmt auch teilweise unterschätzt. Aber dafür habe ich mich mindestens jeden zweiten Tag an den Schreibtisch gesetzt und besonders am Wochenende den Lehrstoff durchgearbeitet.“

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