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Lebensmittel : Frisch in den Müll

Elf Millionen Tonnen Essen landen pro Jahr in Deutschland im Abfall. Verbraucherministerin Aigner will gegensteuern.

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Weggeworfenes Brot in einer Anlage für "Brot- und Backwarenrecycling" in Holdorf,
Weggeworfenes Brot in einer Anlage für "Brot- und Backwarenrecycling" in Holdorf,Foto: dapd

Elf Millionen Tonnen Lebensmittel werden hierzulande jedes Jahr weggeworfen. Weil die Zahl so unvorstellbar ist, versuchte Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner sie mit Leben zu füllen: Man stelle sich 275 000 Lastwagen vor, voll beladen, erklärte sie am Dienstag in Berlin. Stoßstange an Stoßstange würden sie eine Länge von 4500 Kilometern erreichen. „Das ist fast so weit wie von Berlin bis nach Nowosibirsk“, sagte Aigner. Mit der Studie der Universität Stuttgart präsentierte die Ministerin erstmals offizielle Zahlen zur Verschwendung von Lebensmitteln. „Es wird viel zu viel weggeworfen, nutzlos gemacht und vernichtet“, sagte die CSU-Politikerin. Besonders mit Blick auf die mehr als 900 Millionen Menschen, die weltweit hungerten, sei das unverantwortlich.

Der Großteil der Abfälle entsteht der Studie zufolge bei den Verbrauchern zu Hause: Sie werfen jedes Jahr 6,7 Millionen Tonnen Nahrungsmittel weg, pro Person sind das im Schnitt rund 80 Kilogramm. Ein Großteil davon ist aber noch genießbar: 47 Prozent der weggeworfenen Lebensmittel wären ohne Einschränkungen noch essbar, weitere 18 Prozent ließen sich teilweise noch verwenden. Die Verbraucher verschwenden damit Waren im Wert von 21,6 Milliarden Euro pro Jahr. Am häufigsten zu früh weggeworfen werden Obst, Gemüse und Backwaren. Häufige Gründe seien die mangelnde Wertschätzung, Fehlplanungen und der Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums.

Die Industrie ist für rund 17 Prozent der Lebensmittelabfälle verantwortlich, die Großverbraucher – also Schulen, Gaststätten oder Hotels – kommen auf den gleichen Anteil.

Tatsächlich dürfte die Zahl der Abfälle noch weitaus höher liegen. Denn die Forscher der Universität Stuttgart stützten sich auf Statistiken, Umfragen und Stichproben. Die vielen Lebensmittel, die in Toiletten heruntergespült oder auf dem eigenen Kompost landen, gehen jedoch in keine Statistik ein. Auch die Daten aus der Industrie und dem Handel seien lückenhaft, schrieben die Forscher. Nicht erfasst sind in der Studie zudem die Bauern, die ebenfalls große Mengen an Lebensmitteln entsorgen.

Um die Verschwendung einzudämmen, will Aigner sich nun für einen „Bewusstseinswandel“ starkmachen. „Es ist Zeit für mehr Wertschätzung für unsere Lebensmittel“, sagte sie. Unter dem Motto „Zu gut für die Tonne“ will das Bundesverbraucherministerium die Bürger über den richtigen Umgang mit Lebensmitteln informieren, unter anderem auf einer neuen Internetplattform. Dabei soll auch über das häufig kritisierte Mindesthaltbarkeitsdatum aufgeklärt werden, das viele fälschlicherweise als Wegwerfdatum verstehen. Eine neue Warenbeschriftung, wie sie etwa die FDP gefordert hatte, soll es aber nicht geben.

Zudem will Aigner sich für eine einheitliche regionale Kennzeichnung starkmachen. „Die Regionalvermarkter zu stärken, bedeutet kürzere Transportwege, weniger Transportschäden, weniger Verlust.“ Zugleich forderte sie Handel und Industrie auf, die Abfallmengen zu reduzieren, indem etwa Verluste bei Lagerung und Transport vermieden und Warenströme genauer geplant werden. Die Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie erklärte, die Branche versuche schon allein aufgrund des Konkurrenzdrucks, die Abfälle so gering wie möglich zu halten. Die Grünen fordern ein Umsteuern, hin zu ressourcenschonender Bewirtschaftung bei Bauern und weniger Fleischkonsum, sagte die stellvertretende Fraktionsvorsitzende Bärbel Höhn. Die Linken-Verbraucherpolitikerin Karin Binder kritisierte den von Discountern getriebenen ruinösen Preiswettbewerb.

Ob die Ministerin selbst viel Essen wegwirft? „Bei meiner Arbeitstätigkeit ist der Kühlschrank nicht übermäßig gefüllt“, sagte Aigner. „Außerdem habe ich von meinen Eltern gelernt, wie man Reste verwertet.“

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