Lebensmittel : Leberkäse ohne Leber

Ministerin Aigner zieht Bilanz des Internetportals Lebensmittelklarheit.de

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Eine Birne ist eine Birne. Bundespräsidentengattin Bettina Wulff (links) und Verbraucherministerin Ilse Aigner untersuchen Obst auf der Grünen Woche. Foto: pa/dpa
Eine Birne ist eine Birne. Bundespräsidentengattin Bettina Wulff (links) und Verbraucherministerin Ilse Aigner untersuchen Obst...Foto: picture alliance / dpa

Berlin - Verbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) will die legale Täuschung der Kunden an der Ladentheke beenden. „Wenn die Menschen andere Erwartungen haben, werden wir das aufgreifen, prüfen und Änderungen durchführen“, versprach Aigner am Donnerstag bei der 100-Tage-Bilanz des Internetportals Lebensmittelklarheit.de in Berlin.

Auf der Internetseite können sich Verbraucher über Etikettenschwindel bei Lebensmitteln beschweren. Das Portal, das bis Ende 2012 laufen soll, wird von der Verbraucherzentrale Hessen betreut und vom Bundesverbraucherministerium mit 975 000 Euro gefördert. Seit dem Start sind bereits 3800 Produktmeldungen eingegangen, jeden Tag kommen weitere 20 Beschwerden und Anfragen hinzu. „Offensichtlich haben wir den Nerv der Verbraucher getroffen“, sagte der Chef des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen (VZBV), Gerd Billen. Billen und Aigner räumten ein, dass sie vom Ansturm „überrascht“ gewesen seien. Derzeit sind erst 72 Produkte im Portal veröffentlicht, 290 weitere sind bearbeitet und erfasst. Um den Stau abzuarbeiten, ist das Personal inzwischen aufgestockt worden, auch die Serverkapazitäten wurden ausgeweitet. Der Rest der Beschwerden soll jetzt „zügig abgearbeitet werden“, kündigte Billen an. Dabei wolle man sich aber zunächst auf die Produkte konzentrieren, die eine „hohe Relevanz“ besitzen.

Am häufigsten melden Verbraucher Produkte, bei denen nicht das drin ist, was drauf ist – wie beim Pfirsich-Maracuja-Wasser der Marke Bonaqua, das trotz der auf dem Etikett abgebildeten Maracuja nur Fruchtaroma enthält. Für Ärger sorgen auch Fertigprodukte, die angeblich „ohne Geschmacksverstärker“, „ohne Zusatzstoffe“ oder „ohne Nitratpökelsalz“ auskommen, stattdessen aber Zutaten mit ähnlicher Wirkung verwenden. „Verbrauchertäuschung ist verboten“, betonte Aigner.

Nur: Was ist Verbrauchertäuschung? Denn oft fühlen sich Kunden getäuscht, obwohl sich die Hersteller ganz legal verhalten. So muss etwa Kalbsleberwurst nach deutschem Recht nur 15 Prozent Kalbfleisch enthalten und nicht – wie viele Verbraucher meinen – 100 Prozent, Leberkäse darf ganz ohne Leber auskommen, und in deutschen Eierkartons dürfen niederländische Eier stecken, so lange der Karton in Deutschland gepackt worden ist.

Grundlage für die Frage, was drin sein muss, ist das Lebensmittelbuch. Über dessen Inhalt entscheidet eine Kommission, die aus 32 Mitgliedern besteht. Vertreten sind Verbraucherschützer, die Wirtschaft, Wissenschaftler und die Lebensmittelüberwachung. Das Problem: „Jede Gruppe hat ein Vetorecht“, kritisiert Hartmut König, der das Portal Lebensmittelklarheit.de aufgebaut hat und in der Lebensmittelbuch-Kommission sitzt. Die Sitzungen des Gremiums sind nicht öffentlich, mit ihrem Versuch, an die Sitzungsprotokolle zu kommen, war die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch im Juli vor dem Bundesverwaltungsgericht gescheitet.

Billen und König hoffen, dass Lebensmittelklarheit. de den Druck auf das Gremium erhöht, die Vorschriften den Erwartungen der Kunden anzupassen. „Die Verbraucher akzeptieren nicht, dass Kalbsleberwurst nur 15 Prozent Kalb enthält“, betonte Billen. „Die Kommission muss die Hinweise der Verbraucher aufgreifen“, findet auch Aigner. Die Ministerin will auch mit der Geheimniskrämerei aufräumen: „Es muss klar sein, wer im Ergebnis wie abgestimmt hat.“ Heike Jahberg

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