Wirtschaft : Lebensmittelhändlerin der Klemme

EU-Kommission verspricht Schützenhilfe / Tagung in Berlin

BERLIN (chi).Die mittelständischen Lebensmittelhändler geraten immer mehr in die Klemme.Im Geflecht von Einkaufszentren auf der Grünen Wiese und in den Innenstädten, der allgemeinen Konzentration in der Branche und der nicht minder harschen Konkurrenz von Tankstellen, die sich zunehmend als "Convenience stores" profilieren, haben die kleinen Einzelhändler nur wenig zu lachen.1970 gab es nach Angaben der Marktforscher noch 150 000 Lebensmittelgeschäfte allein in Westdeutschland, heute sind es ­ bundesweit ­ gerade noch 76 000, knapp die Hälfte.Europaweit sieht die Entwicklung kaum besser aus.Derzeit sind noch 400 000 selbständige Lebensmittelhändler aktiv."Aber wir können froh sein, wenn wir zumindest den Flächenanteil halten", sagt Peter Schütz, Geschäftsführer der Internationalen Vereinigung der Lebensmittel-Detaillisten (IVLD), die anläßlich des 70jährigen Jubiläums ihres Bestehens die Jahrestagung wieder an den Gründungsort, Berlin, verlegt hat. Der Standort hätte kaum besser gewählt werden können.Das Sterben der kleinen, selbständigen Einzelhandelsläden läßt sich an der Spree anschaulich demonstrieren: Im Westteil der Stadt, jahrzehntelang vom Wettbewerb großflächiger Einkaufszentren abgeschottet, mußten in den letzten drei Jahren rund 10 Prozent der Läden aufgeben, im Ostteil kamen sie erst gar nicht zum Zug.Rund 75 Prozent der Verkaufsflächen im Ostteil der Stadt sind fest in der Hand von Discount- und Verbrauchermärkten ­ "eine erdrückende Konkurrenz", wie Stephan Tromp, Geschäftsführer des Lebensmittelverbandes Berlin-Brandenburg, feststellte.Und: "Der Verdrängungsprozeß ist noch längst nicht abgeschlossen".Das Wachstum der Einkaufszentren im Speckgürtel ist zwar Initiative der Politik gebremst worden.Innerhalb der Stadtgrenzen aber wachsen sie munter weiter: bis zum 2000 werden es 26 sein.Der Verband setzt nun alle Hoffnung auf eine Gesetzesinitiative des Senats, wonach Verkaufsflächen von mehr als 1200 Quadratmetern in Zukunft nicht mehr von Bezirks-, sondern von der Senatsverwaltung genehmigt werden müssen. Mittlerweile hat man auch auf höchster europäischer Ebene die Brisanz erkannt: In ihrem 1996 veröffentlichten Grünbuch bekundete die Europäische Kommission den Willen, dem mittelständischen Einzelhandel den Rücken stärken.EU-Kommissar Martin Bangemann deutete am Montag bei der IVLD-Jahrestagung in Berlin an, daß die Förderprogramme für den Mittelstand auf Handelsbetriebe ausgeweitet werden.Und auch die umstrittene doppelte Preisauszeichnung bei der Umstellung auf den Euro will man in Brüssel noch einmal überdenken ­ ein halbes Jahr sei vielleicht doch eine zu lange Zeit, räumte Bangemann ein.

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