Lebensmittelpreise : 23 Minuten Arbeit für ein Kotelett

Bundesregierung und Bauernverband verteidigen die gestiegenen Lebensmittelpreise. Viele Nahrungsmittel seien heute immer noch billiger als vor 20 Jahren, meint der Agrarminister.

Juliane Schäuble
Schwein
Zu billig? Schweinefleisch ist heute günstiger als früher. -Foto: dpa

Berlin - Der Schock war groß. Gleich um 50 Prozent verteuerte sich im Sommer der Preis einer 250-Gramm-Packung Butter. Auch für andere Lebensmittel mussten die Verbraucher in den vergangenen Monaten tiefer in die Tasche greifen – ein Grund dafür, dass die Inflation in Deutschland im November mit 3,3 Prozent auf den höchsten Wert seit Februar 1994 kletterte. Doch der Deutsche Bauernverband findet Lebensmittel weiterhin billig und rechnete am Donnerstag vor: „Musste ein Arbeitnehmer für den Kauf von einem Kilo Schweinekotelett 1970 noch 96 Minuten arbeiten, hat er dies heute in etwa 23 Minuten verdient. Für eine 250- Gramm-Butterpackung war ein Arbeitslohn von 21 Minuten notwendig, heute dagegen nur noch ein Fünftel dieser Zeit.“

Auch Horst Seehofer, als Bundesminister gleichzeitig für die Landwirte und die Verbraucher zuständig, sieht das ähnlich. Nahrungsmittel seien keine Preistreiber, das Gegenteil sei der Fall, teilte der CSU-Politiker ebenfalls am Donnerstag mit. Zwar habe in jüngster Zeit der Preisanstieg vor allem bei Milcherzeugnissen spürbar zum Anstieg der Inflationsrate beigetragen, räumte Seehofer ein. So seien Nahrungsmittel im November 5,4 Prozent teurer als im Vorjahresmonat. Aber die Preise für Lebensmittel seien über Jahre hinweg deutlich langsamer gestiegen als die Verbraucherpreise insgesamt. „Sie haben damit maßgeblich zur Dämpfung des Anstiegs der Lebenshaltungskosten beigetragen.“ Der jährliche Verbraucherpreisanstieg für Nahrungsmittel einschließlich alkoholfreier Getränke habe zwischen 1991 und 2006 bei 0,9 Prozent gelegen, während die Verbraucherpreise insgesamt in diesem Zeitraum um jährlich zwei Prozent zunahmen. Selbst die Preissteigerungen der vergangenen zwölf Monate seien moderat im Vergleich zum Verbraucherpreisindex insgesamt. Viele Nahrungsmittel seien immer noch billiger als vor 20 Jahren.

Für einen Hartz-IV-Empfänger sei das keine hilfreiche Aussage, findet jedoch Bärbel Höhn. „Entscheidend ist doch, dass Menschen mit einem kleineren Einkommen einen viel größeren Anteil für Nahrungsmittel ausgeben“, sagte die Grünen-Politikerin dem Tagesspiegel. „Der zum Teil drastische Preisanstieg bei Grundnahrungsmitteln wie Butter und Brot stellt besonders für Familien mit heranwachsenden Kindern ein großes Problem dar, das die Politik lösen muss.“ Seehofer habe bei seinen Aussagen wohl nur die Seite der Landwirte im Auge gehabt, kritisiert die Bundestagsabgeordnete.

Auch Verbraucherschützer warnen vor sozialen Unausgewogenheiten. „Viele Menschen belasten die Preiserhöhungen überproportional. Die Nacht- und Nebelaktionen haben die Verbraucher stark verunsichert“, sagt Christian Fronczak von der Verbraucherzentrale Bundesverband. Nun müsse dargelegt werden, was mit den zusätzlichen Einnahmen geschehe und ob diese auch wirklich für eine bessere Qualität der Produkte verwendet würden. „Gut an der Debatte ist immerhin, dass nun das Märchen widerlegt ist, Topqualität gebe es zu Dumpingpreisen.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben