Lebensmittelproduzenten : Angst vor der Ampel

Nächste Woche entscheidet das Europaparlament über die Kennzeichnung von Lebensmitteln. Verbraucherschützer hoffen auf ein Einsehen der Abgeordneten - anders als die Hersteller.

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Berlin - Mars macht Gewerkschafter mobil, zumindest Franz-Josef Möllenberg. Am Donnerstagmorgen steht der Chef der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) in einem Konferenzraum in Berlin-Mitte und hält einen Schokoriegel in die Höhe. „Vorbildlich“ sei der, lobt Möllenberg und meint die Kalorienangabe auf der Vorderseite der Verpackung. 228 Kalorien enthält der 51-Gramm-Riegel. Damit deckt er allein elf Prozent des täglichen Kalorienbedarfs eines Erwachsenen. Mars-Fans übersehen die Information daher gern.

Geht es nach den Verbraucherschützern, sollen Europas Konsumenten solchen Tatsachen künftig ins Gesicht sehen. Sie fordern eine Nährwertampel für Lebensmittel. Mit den Ampelfarben rot, gelb und grün soll signalisiert werden, wie viel Zucker, Fett, gesättigte Fettsäuren und Salz in einem Produkt stecken. „Die Ampel zeigt, ob ein Produkt dick macht“, sagt Claudia Michehl, Ernährungsexpertin der Verbraucherzentrale Hamburg. Für Mars würde die Ampel ziemlich rot leuchten.

Ob sich Schokoriegel, Limonaden oder Pizzen in der EU künftig dem Ampelcheck unterziehen müssen, entscheidet in der kommenden Woche das Europäische Parlament. Die Abgeordneten stimmen über die Lebensmittel-Informationsverordnung ab. Sie regelt, wie Kunden über das informiert werden, was in der Ware steckt. Mitte März hatte sich der federführende Umweltausschuss des Parlaments gegen eine verbindliche Ampelregelung ausgesprochen. Stattdessen sollen die Hersteller verpflichtet werden, per Tabelle auf der Verpackung anzugeben, wie hoch der Brennwert ihres Produktes ist und wie viele Kohlenhydrate, Zucker, Fett, gesättigte Fettsäuren, Transfettsäuren, Ballaststoffe und Natrium darin enthalten sind. Zudem soll der Verbraucher erfahren, wie viel das Müsli oder die Suppe vom Tagesbedarf an Kalorien, Zucker, Fetten und Natrium aufzehrt.

„Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen“, sagt Verbraucherschützerin Michehl und hofft auf ein Einsehen der Europaabgeordneten. Dass sich die Parlamentarier noch einmal umentscheiden könnten, fürchten auch die im Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde (BLL) zusammengeschlossenen Lebensmittelproduzenten. Eine Pflichtampel wollen sie auf keinen Fall, aber auch keine freiwillige Rot-Grün-Gelb-Kennzeichnung.

„Die Ampel verdummt die Kunden“, schimpft BLL-Hauptgeschäftsführer Matthias Horst. Selbst gesunde Lebensmittel kämen schlecht weg, Olivenöl etwa, das wegen des hohen Fettanteils rot sehe. Apfelsaft müsste beim Zuckergehalt einen roten Punkt bekommen. Zudem gebe es keinen Bedarf für eine neue Kennzeichnung. Auf rund 80 Prozent der deutschen Lebensmittelverpackungen sei inzwischen die – freiwillige – Nährwerttabelle gedruckt. Wer sich informieren wolle, könne das tun, meint Horst. Die meisten Kunden wollen das aber gar nicht, sagt der Verband. Nur 20 bis 25 Prozent der Käufer achten auf die Nährwertangaben. Kein Wunder, sagen Verbraucherschützer, die Tabellen seien für die meisten Leute unverständlich.

Der Streit um die Ampel hat auch handfeste wirtschaftliche Gründe. Die meist mittelständischen Firmen seien mit einer Neuregelung überfordert, warnt Matthias Horst. Der Vorsitzende der NGG, Franz-Josef Möllenberg, denkt an seine Mitglieder. 520 000 Menschen arbeiten in der Ernährungsindustrie, 50 000 davon im Süßwarenbereich. „Die wollen nicht, dass ihre Produkte mit dem roten Punkt abgestraft werden“, sagt Möllenberg. Hinzu kommt: Mittelfristig könne eine Ampel ihre Jobs gefährden. Das fürchtet auch BLL-Chef Horst: „Wenn ein Deutscher eine rote Ampel sieht, bleibt er stehen – nur nicht beim Radfahren.“

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