Wirtschaft : Lebensqualität: Wohlstand macht nicht immer glücklich

Heik Afheldt

Das Thema "Was bedeutet Wohlstand? Praktische Auswirkungen unseres Verständnisses von Wohlstand" und die Teilnehmer (Lord Ralf Dahrendorf, Bernd Guggenberger (Freie Universität Berlin), Karl-Otto Hondrich (Universität Frankfurt/Main) und Meinhard Miegel (Institut für Wirtschaft und Gesellschaft, Bonn) versprachen eine interessante Diskussion. Die Ausgangsthese von Meinhard Miegel, frisch gekürter Preisträger der Schader-Stiftung in Darmstadt lautete: "Von einem gewissen Punkt an entkoppelt sich das Wohlstandwachstum von dem der Zufriedenheit." Es kann sich sogar eine negative Korrelation ergeben, sagte Miegel. Das sei empirisch eindeutig belegt. Deswegen sei man mit einer so einseitig auf die Erhöhung des Bruttosozialprodukts (BSP) fokussierten Ausrichtung von Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik auf dem Holzweg. Folgerichtig brauche es deshalb auch eine neue Messgröße, mit der die Qualität des Wohlstandes zutreffender beschrieben werden könne als mit dem BSP. Zudem erscheine anderen (Miegel zitierte hier indische Freunde) die Anhäufung von immer mehr materiellem Wohlstand in den reichen Industrieländern als geradezu obszön.

Auch Ralf Dahrendorf war mit der gebräuchlichen Messgröße für Fortschritt und Politikerfolg unzufrieden. Hinter den Durchschnittswerten bleibe die Ungleichheit der Verteilung verborgen, ebenso wie die Qualität des gesamten öffentlichen Sektors. Ein Beweis: Italien und Großbritannien hätten fast die gleichen Pro-Kopfeinkommen, aber völlig unterschiedliche "Lebensqualitäten".

Bernd Guggenberger sah die Schönheit als ein wichtiges, aber völlig ausgeblendetes Kriterium. Die DDR sei vor allem daran gescheitert, dass sie das Mindestniveau an Schönheit dramatisch unterschritten habe. Also, war man sich einig, das Sozialprodukt müsse durch weitere Indikatoren ergänzt werden, die persönliche Zufriedenheiten, kulturelle und soziale Zustände messe. Aber es blieb die Frage, wie es denn mit dem weiteren Wachstum des Wohlstands sei. Wünschbar und auch machbar?

Wünschbar wohl. Denn gegen die These von Miegel hielt Hondrich seine Empirie: Mehr Wohlstand bringe nachweislich immer noch zusätzliche Zufriedenheit, Freiheit von existenzieller Armut und mehr Freiheit überhaupt, längere und gesundere Leben und eine heilere Umwelt. Machbar? Ja. Und besser und kräftiger als bisher. Wenn die überfälligen und seit Jahren geforderten Reformen in der Gesellschaft endlich umgesetzt würden, wären auch in Deutschland höhere Wachstumsraten möglich. Ein Widerspruch zum anfänglichen Zeifel Miegels am Sinn des Wettlaufs um höheren Wohlstand? Eher ein Missverständnis über die Inhalte von Wirtschaft und Wachstum morgen. Mehr Kultur, mehr Wissen und mehr Gesundheit wird niemand als obszön empfinden.

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