Wirtschaft : Leichte Beute

Deutsche Banken sind zu klein, um global wettbewerbsfähig zu sein. Kommt es zu keiner Fusion, drohen Übernahmen. Noch halten die Ausländer still

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Der vorerst letzte Versuch, ohne Geburtshilfe der Bundesregierung, eine neue deutsche Großbank zu erschaffen, scheiterte in Florida. Kurz vor der Jahreswende hatte Dieter Rampl, Vorstandschef der HypoVereinsbank, seinen Kollegen Klaus-Peter Müller von der Commerzbank in sein Ferienhaus an der amerikanischen Ostküste eingeladen. Fern der Heimat wollten die beiden Banker das beschließen, was Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) seit Monaten fordert: einen „nationalen Champion“ auf dem deutschen Bankenmarkt.

Das Planspiel, das Müller und Rampl diskutierten, war verführerisch: Gemessen an der Bilanzsumme von zusammen 860 Milliarden Euro hätte das Duo aus Commerzbank und Hypo-Vereinsbank den Branchenprimus Deutsche Bank übertrumpft. Auch mit 450000 Firmenkunden und acht Millionen Privatkunden wäre das fusionierte Geldhaus Spitze gewesen. Doch Rampl und Müller konnten sich nicht einigen. Der Commerzbank-Chef flog unverrichteter Dinge nach Hause zurück.

Keine fünf Monate später lag das Thema Fusionen wieder auf dem Tisch der beiden Banker – diesmal allerdings ging es um die Konkurrenz. Die Deutsche Bank wolle auf Betreiben des Bundes die Postbank kaufen, meldeten die Ticker Anfang Mai. Kurz zuvor hatte der Bundeskanzler auf dem Sparkassentag in Frankfurt die Großbanken aufgefordert, ein „globales Institut“ zu schaffen, „das aus Deutschland heraus tätig ist“, und damit eine Welle von Spekulationen ausgelöst. Am Ende musste Post-Chef Klaus Zumwinkel offiziell klarstellen: Die Tochter Postbank wird nicht an die Deutsche Bank, sondern wie geplant am 21. Juni zur Hälfte an der Börse verkauft. Basta!

Schröders Appell war nicht vom Himmel gefallen: Seitdem vor gut einem Jahr Spitzenmanager der deutschen Finanzbranche im Kanzleramt ihre Sorgen vor drohenden Schieflagen und feindlichen Übernahmen vortrugen, ist der Kanzler alarmiert. Er hofft darauf, dass ein größerer Bankenkonzern genug Gewicht an der Börse auf die Waage bringt, um Ausländer wie den Weltmarktführer Citigroup abzuschrecken. Doch außer Bangen und Hoffen ist bis heute wenig passiert. Braucht Deutschland überhaupt einen nationalen Champion? Und warum hat noch kein Ausländer zugegriffen?

„Der deutsche Bankenmarkt ist fragmentiert und die Banken sind vergleichsweise wenig rentabel“, sagt Fritz Kröger, Vice President für Strategie bei der Unternehmensberatung AT Kearney. Allein die Deutsche Bank kann es mit einer Eigenkapitalrendite von 22 Prozent mit amerikanischen oder britischen Banken aufnehmen. Der staatlich reglementierte Sparkassen- und Genossenschaftsbankensektor sei zudem nach außen quasi abgeriegelt, sagt der Fusionsexperte. „Das schreckt Ausländer ab.“ Vorerst jedenfalls. Im Ausland frage man sich, „ob die niedrige Rentabilität deutscher Banken nicht ein Strukturproblem ist“, sagt Bernhard Speyer, Leiter des Bereichs Banken und Finanzierung bei Deutsche Bank Research. Alle starrten im Übrigen „wie das Kaninchen auf die Zukunft der Großbanken“. Doch selbst wer eine solche komplett übernehme, bekomme nur einen geringen Marktanteil, meint der Experte. Ganze 16 Prozent des gesamten deutschen Bankggeschäftsvolumens gehen auf das Konto der Großbanken. In Großbritannien sind es 57 Prozent. Fast die Hälfte des deutschen Marktes wird von Sparkassen und Volksbanken bedient.

Deren feste Verankerung bei Privatkunden und Unternehmen weckt bei der deutschen Großfinanz Begehrlichkeiten. Nachdem sich das Investmentbanking im internationalen Vergleich für die meisten Geschäftsbanken als zu klein erwies, um große Erträge abzuwerfen, wollen sie das solide Endkundengeschäft wieder stärken. Für die großen US-Banken ist das ein Grund mehr, sich aus Deutschland, wo jedes Jahr 40000 Firmen Pleite gehen, fern zu halten. Das Kreditgeschäft mit wackeligen Mittelständlern ist für die Finanzgiganten abschreckend. „Während Banken und Sparkassen hierzulande in den sauren Apfel beißen und Mittelstandskredite ausreichen, um ihre Kundenkontakte zu pflegen, sagen US-Banken wie Goldman Sachs klipp und klar: Da halten wir uns raus“, erklärt Mark Wahrenburg, Professor für Bankbetriebslehre an der Universität Frankfurt. Die Usancen, mit denen Banken in Deutschland Geschäfte machten, seien in den USA unbekannt.

Die vorläufige Zurückhaltung der Ausländer ist aus Sicht deutscher Unternehmen also durchaus wünschenswert. „Deutsche Bank und Citigroup sind komplementär. Sie würden gut zusammenpassen“, sagt AT Kearney-Experte Kröger. „Aber der Kopf der Bank säße nach einer Übernahme in New York.“ Das wäre schlecht für Deutschland. „Für die Amerikaner wären die Nöte der deutschen Wirtschaft ein B-Problem. Für eine nationale Großbank hätten sie höchste Priorität.“ Der Verkauf der Deutschen Bank – nach Krögers Meinung ein „standortpolitischer Skandal“.

Aber wie kommt der Bankenplatz „in die Strümpfe“, wie der Kanzler formulierte, ohne für Ausländer angreifbar zu sein? Nach Schröders vergeblicher Postbank-Offerte liegt der Ball für weitere Strategiespiele wieder im Feld der Großbanken. Abschreckende Beispiele für gescheiterte Fusionen haben sie vor Augen: Vor vier Jahren platzte die Fusion von Deutscher und Dresdner Bank, weil man das Investmentbanking nicht unter ein Dach brachte. Auch ein zweiter Anlauf von Dresdner und Commerzbank blieb ohne Ergebnis. Die Manager konnten sich nicht darauf verständigen, ob sie künftig eher für Privatkunden oder Firmen Bankdienste anbieten wollten. Am Ende landete die Dresdner bei der Allianz. Und als Vertriebstochter eines Versicherungskonzerns, sagen Beobachter, spielt die Bank jetzt keine Rolle mehr.

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