Wirtschaft : Leichtes Wachstum aber noch mehr Arbeitslose in Berlin

Jahresbericht der Berliner IHK: Positive Signale mehren sich / 300 000 Arbeitsplätze weniger / Kammer sucht Ausbildungsbetriebe BERLIN (alf).Im Schneckentempo bewegt sich die Berliner Wirtschaft aus dem Tal der Tränen.Nach Einschätzung der Industrie- und Handelskammer zu Berlin ist in diesem Jahr eine Wachstumsrate von ein bis zwei Prozent möglich.Allerdings steht diese Prognose nur "auf dem Bein des Exports", wie IHK-Hauptgeschäftsführer Thomas Hertz am Donnerstag anläßlich der Vorlage des Jahresberichts der Kammer einräumte.Auf dem Arbeitsmarkt ist keine Besserung in Sicht, der Stellenabbau geht weiter.Hertz bezeichnete die Arbeitslosigkeit als "größte Hypothek für unsere Gesellschaft".1990 zählten die Statistiker 1,7 Millionen Erwerbstätige in Berlin, im vergangenen Jahr waren es noch 1,4 Millionen.Allein in der Industrie gingen 200 000 Arbeitsplätze verloren; immerhin 110 000 Stellen entstanden gleichzeitig im Dienstleistungsbereich.Daß die Unternehmen - die Berliner IHK repräsentiert rund 130 000 Firmen - Arbeitsplätze streichen, führte der IHK-Chef auf das Scheitern der Steuerreform, die "halbherzige" Rentenreform sowie allenthalben steigende Abgaben und Gebühren zurück.Die Berliner Betriebe würden zusätzlich durch die weitere Erhöhung der Gewerbesteuer Anfang kommenden Jahres belastet. Im vergangenen Jahr erhöhte sich die Wirtschaftsleistung Berlins um 0,7 Prozent.Dabei gab es ein Wachstum um 1,3 Prozent im Westteil der Stadt und einen Rückgang um 1,8 Prozent im Ostteil.Vor allem im Handel und in der Bauwirtschaft sei die Situation unverändert schwierig.Der Bau erlebe einen der stärksten Einbrüche überhaupt, im Handel habe es das fünfte Jahr in Folge "harte Umsatzrückgänge" gegeben.Alles in allem jedoch profiliere sich Berlin zunehmend als "Newcomer im Netzwerk der europäischen Metropolen", so Hertz: "Die positiven Signale mehren sich." Im Zusammenhang mit dem Regierungsumzug sei eine "Sogwirkung Berlins" zu beobachten.Einer Infas-Studie zufolge werden politiknahe Einrichtungen wie Verbände, ausländische Vertretungen, Stiftungen und Medien "einen Personalbedarf in Berlin von rund 3000 Beschäftigten auslösen".Wenn die 500 umsatzstärksten Unternehmen ihre Berlin-Pläne realisierten, sei mit 37 000 zusätzlichen Arbeitsplätzen in der Region zu rechnen.Im Vordergrund stünden dabei die Branchen Beratung, Kommunikation und Vermarktung. In den Mittelpunkt seiner Ausführungen stellte Hertz das "Potential an Menschen", insbesondere die Ausbildungsproblematik.Im vergangenen Jahr sei die Zahl der Ausbildungsverträge um 15 Prozent auf 10 675 gestiegen, 4243 Betriebe bildeten aus, rund zwölf Prozent mehr als im Vorjahr.Hertz zufolge sind 12 000 bis 15 000 der 131 000 Kammermitglieder "ausbildungsfähig".Um dieses Potential auszuschöpfen, setzt die IHK 17 Mitarbeiter ein, die die Unternehmen beraten und gewissermaßen Lehrstellen akquirieren.Auf diesem Weg will Hertz jedes Jahr zehn Prozent mehr Ausbildungsbetriebe gewinnen. Die wesentlichen Gründe für die unbefriedigende Ausbildungsbereitschaft sieht Hertz in der "Nicht-Vertrautheit mit der Ausbildung", im negativen wirtschaftlichen Umfeld sowie in unzureichenden Berufsbildern.Immerhin hätten IHKs 1997 "den Einstieg in 15 neue staatlich anerkannte Berufe organisiert".Im laufenden Jahr sollten weitere elf Berufe folgen.Allein in neuen Berufen der Informations- und Kommunikationstechnik seien in Berlin 1997 rund 300 Ausbildungsplätze angeboten worden.Hertz beklagte im Zusammenhang mit der Ausbildungskrise, "daß dieses gesellschaftliche Problem allein der Wirtschaft angelastet wird".So habe die öffentliche Hand in Berlin 6385 Ausbildungsplätze angeboten, im letzten Ausbildungsjahr indes nur noch 2721."Wer so im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen", meinte der IHK-Hauptgeschäftsführer. Hertz nutzte gleichwohl die Gelegenheit, "auch einmal Dank an die Politik" zu sagen.Das betraf die Abstimmung im Abgeordnetenhaus über die Bezirksreform.Damit seien die ersten Weichen für eine Verwaltungsreform gestellt, "die Leistungsfähigkeit, Kompetenz und unkompliziertes Verwaltungshandeln" in den Vordergrund rücken müsse.Hertz mahnte einheitliches Verwaltungshandeln sowie die Neuverteilung und Bündelung von Zuständigkeiten an.So habe beispielsweise das Schuhaus Görtz für die Genehmigung einer Schaufenstervitrine auf dem Kudamm bei sieben Verwaltungen vorstellig werden müssen. Die Pläne der Brüsseler EU-Kommission zur Neustrukturierung der Strukturförderung lehnte Hertz ab, da bei deren Umsetzung Berlin eine Förderinsel werde.Die Berliner Wirtschaft sei jedoch guter Hoffnung, daß die Bundesregierung noch eine Korrektur zugunsten Berlins herausholen könne.Die gesunkene Wirtschaftsleistung im Ostteil der Stadt dürfte dabei den deutschen Argumenten Gewicht geben. Hertz zufolge wird das neue Domizil der Kammer, das Ludwig-Erhard-Haus, Ende August fertiggestellt und in der zweiten Septemberhälfte eröffnet.Von den gut 17 000 Quadratmetern Bürofläche seien etwa 10 000 vermietet, zum ersten April war die Wirtschaftsförderung Berlin eingezogen.Das Ludwig-Erhard-Haus wird mit rund 305 Mill.DM gut 50 Mill.DM teurer als geplant.Das größte Problem ist die Miete: Der Finanzierung lag ein Quadratmeterpreis von 74,50 DM zugrunde; gegenwärtig gibt der Markt aber kaum mehr als 40 DM her.

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