Leiharbeit in Deutschland : Chancen auf Zeit

Schlechte Bezahlung, permanente Unsicherheit: Leiharbeit hat in Deutschland einen schlechten Ruf. Warum zu viele Stationen im Lebenslauf auffallen – und für wen Zeitarbeit eine Option sein kann.

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Wege zum Job. Etwa jeder fünfte Langzeitarbeitslose findet als Leiharbeiter einen Job. Der Sprung in einen regulären Job gelingt aber weniger als zehn Prozent von ihnen, hat das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung herausgefunden. Foto: Fotolia Foto: Marco2811 - Fotolia
Wege zum Job. Etwa jeder fünfte Langzeitarbeitslose findet als Leiharbeiter einen Job. Der Sprung in einen regulären Job gelingt...Foto: Marco2811 Fotolia

Zeitarbeit ist für Arbeitsmarktexperten ein Frühindikator für die Konjunktur: Geht es der Wirtschaft schlecht, sind es in vielen Betrieben die Leiharbeitnehmer, die zuerst entlassen werden. Deutet sich ein Aufschwung an, steigt in vielen Unternehmen die Zahl der Leiharbeiter – zunächst. Denn hält die gute Konjunktur an, wächst bei den Betrieben die Bereitschaft, Mitarbeiter fest anzustellen; die Zahl der Leiharbeiter sinkt folglich wieder.

Zahl der Zeitarbeiterjobs weiterhin rückläufig

Die Konjunktur in Deutschland ist gut, seit Längerem schon. Die Wirtschaft brummt, in vielen Regionen herrscht nahezu Vollbeschäftigung. Das bekommen die Personaldienstleister zu spüren. Vor allem in Bayern und Baden-Württemberg hätten Verleiher derzeit Probleme, Bewerber zum Verleihen zu finden, teilt der Bundesarbeitgeberverband der Personaldienstleister (BAP) auf Anfrage mit. Teilweise müssten Verleiher aus Bewerbermangel Aufträge absagen. Das gelte inzwischen nicht nur für qualifizierte Berufe, sondern auch für Helfertätigkeiten. Der Anteil der Zeitarbeitsjobs an allen bei der Bundesagentur für Arbeit gemeldeten sozialversicherungspflichtigen Stellen ist leicht rückläufig: 2012 lag er bei 36 Prozent, 2013 bei 35 Prozent und 2014 bei 34 Prozent.

Um für Bewerber attraktiver zu werden, setzen die Verleiher laut ihrem Bundesverband auf bessere Bezahlung, Weiterbildung und flexible Arbeitszeiten. Lohnt es sich also momentan, einen Vertrag mit einer Zeitarbeitsfirma abzuschließen? Svenja Hofert, Karriereberaterin aus Hamburg, ist skeptisch. Sie rät Arbeitssuchenden, sich zunächst direkt bei Wunschunternehmen zu bewerben – auch initiativ. Zeitarbeit sollten Bewerber nur dann als Alternative erwägen, wenn sie auf direktem Weg keinen Erfolg haben. „Es kommt zwar auf die Branche an“, sagt Hofert. „Aber in den meisten Unternehmen sind Leiharbeiter leider noch immer Arbeitnehmer zweiter Klasse.“

Rund 800 000 Zeitarbeiter in Deutschland

Wer sich für Zeitarbeit entscheidet, geht ein Dreiecksverhältnis ein. Er schließt den Vertrag mit der Leiharbeitsfirma oder dem Personaldienstleister, die den Beschäftigten an Unternehmen ausleihen. Grundsätzlich gilt für Leiharbeiter ein Mindestlohn von derzeit 8,80 Euro im Westen und 8,20 Euro im Osten inklusive Berlin. In einigen Einsatzbranchen, etwa der Metallindustrie, gelten jedoch für Leiharbeiter eigene Tarifverträge, die bessere Bedingungen bieten als das vorgeschriebene Minimum.

Etwa 800 000 Arbeitnehmer in Deutschland sind derzeit als Zeitarbeiter beschäftigt. Das sind 2,6 Prozent aller Arbeitnehmer in Vollzeit. Laut dem Branchenverband BAP sind mehr als 30 Prozent der Leiharbeiter in der Metall- und Elektroindustrie beschäftig, rund 20 Prozent im Logistik- und Transportgewerbe. Wie die Bundesregierung im Juni auf eine Kleine Anfrage der Linken antwortete, stellen Leiharbeiter in der Metallindustrie 4,8 Prozent aller Beschäftigten, in der Logistikbranche 10,9 Prozent.

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