Leiharbeit : "Wir versprechen keine Karrieren"

Marcus Schulz, Chef der Leiharbeitsfirma USG People Deutschland, befürwortet im Gespräch mit dem Tagesspiegel Mindestlöhne und verteidigt Lohnunterschiede.

Gleiches Geld für gleiche Arbeit, fordern die Gewerkschaften. Die Leiharbeitsbranche sieht das anders.
Gleiches Geld für gleiche Arbeit, fordern die Gewerkschaften. Die Leiharbeitsbranche sieht das anders.Foto: dpa

Herr Schulz, kürzlich hat sich Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt für Mindestlöhne in der Leiharbeitsbranche ausgesprochen. Eine gute Idee?

Ja, unbedingt. Damit ließe sich zum Beispiel wirkungsvoll Lohnungleichheit entgegentreten, wenn ab 2011 die vollständige Freizügigkeit in der EU gilt.

Fürchten Sie nicht um Ihr Geschäft? Kritiker klagen stets, ein Mindestlohn schade der Wirtschaft.

Solange er sich in einem vernünftigen Rahmen bewegt, habe ich keine Befürchtungen. Ein Mindestlohn von etwa 7,60 Euro bis acht Euro wirkt sich nicht negativ auf die Konjunktur aus. Allerdings sollte er auch nicht zu hoch sein. Von einigen Logistikunternehmen wissen wir, dass sie ins Ausland abwandern würden, wenn er bei über acht Euro läge. Ich befürworte einen Mindestlohn aber auch, weil er zur Verbesserung des derzeit angeschlagenen Images der Branche beitragen kann.

Worunter hat der Ruf der Leiharbeit Ihrer Ansicht nach am schwersten gelitten?

Besonders der Fall Schlecker hat uns um Jahre zurückgeworfen. Dem Unternehmen wurde ja vorgeworfen, Angestellte entlassen und durch geringer entlohnte Zeitarbeiter ersetzt zu haben. Zeitarbeit darf nicht der Substituierung der Stammbelegschaft dienen. Die Zeitarbeitsbranche muss sich aber auch an die eigene Nase fassen. Unsere Kommunikation in der Vergangenheit war nicht immer ideal. Wir müssen aufhören, uns reflexartig gegen die öffentliche Wahrnehmung zu wehren. Wenn es Kritik gibt, müssen wir uns dem Dialog stellen.

Mit drei Verbänden dürfte das schwierig sein.

Richtig. Einer würde in meinen Augen völlig reichen. Die jetzige Situation macht es auch für die Politik schwierig, einen Ansprechpartner zu finden.

Foto: promo
Marcus Schulz

Wie groß schätzen Sie die Chancen ein, dass die Verbände BZA, IGZ und AMP fusionieren?

BZA und IGZ diskutieren intern immer wieder eine solche Möglichkeit. Schwierig wird es mit dem AMP. Hinter dem steht der christliche Gewerkschaftsbund und der Deutsche Gewerkschaftsbund wird keine Einigung mit einer konkurrierenden Vereinigung gutheißen.

Vorgänge wie bei Schlecker sind ja nur möglich, weil Leiharbeiter heute im Durchschnitt 20 bis 25 Prozent weniger als Festangestellte verdienen. Warum ist das eigentlich so?

Manchmal gibt es dafür Gründe: So waren zum Beispiel zwei Drittel der von uns vermittelten Zeitarbeiter vorher arbeitslos. Damit will ich nicht sagen, dass jeder Arbeitslose prinzipiell unfähig ist. Häufig hat man aber, wenn man eine Weile raus aus dem Job war, nicht die gleiche Produktivität. Muss sich erst auf den neuesten Stand bringen und versäumte Entwicklungen aufarbeiten.

Das IAB hat ermittelt, dass Zeitarbeit nur selten in eine dauerhafte Beschäftigung führt. Als erhoffte Brücke in den Jobmarkt scheint das Modell nicht zu funktionieren.

Wir geben eine Perspektive, wir versprechen keine Karrieren. Außerdem dient die Zeitarbeit primär der Flexibilisierung eines Unternehmens. Es war doch nie unsere Aufgabe, der Bundesagentur für Arbeit Konkurrenz zu machen. Allerdings hat die erwähnte Studie ja auch gezeigt, dass sich die Chancen bei Niedrigqualifizierten sehr wohl erhöhen. Und für höher Qualifizierte liegt die Überlassungsquote nach unseren Zahlen bei immerhin 20 bis 30 Prozent.

Der Leiharbeitsbranche wird häufig vorgeworfen, sich auf Kosten ihrer Mitarbeiter zu bereichern. Wie hoch sind Ihre Margen?

Unser Vorsteuerergebnis liegt zwischen drei und sechs Prozent. Je nachdem wie schwierig es ist, jemand für die jeweilige Stelle zu finden.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Ein Elektrohandwerker, der einen Tariflohn von 9,60 Euro die Stunde bekommt, wird von uns für beispielsweise 18,20 Euro vermittelt. „Das ist ja fast das Doppelte!“, bekommen wir dann oft zu hören. Abzüglich aller zu zahlender Nebenkosten wie Renten- und Versicherungsbeiträgen liegt unsere Marge in diesem Fall allerdings bei 2,80 Euro.

Das Interview führte Moritz Honert.

Marcus Schulz (41) ist Chef der Zeitarbeitsfirma USG People Germany. Hierzulande beschäftigt sie mehr als 11.000 Mitarbeiter und ist in der Branche die Nummer sechs.

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