Wirtschaft : „Leiharbeiter schaffen Probleme“

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Frau Görner, findet die IG Metall problemlos qualifizierte Arbeitskräfte?

Ja, weil wir ausbilden. Und wir wissen auch, was wir künftig benötigen, weil wir die Arbeit unserer Gewerkschaftssekretäre nicht outgesourct haben oder per Leiharbeit erledigen lassen.

Also haben Firmen, die nicht ausbilden und dazu noch Geschäftsbereiche ausgliedern, Probleme mit Personal?

Die Gefahr ist groß. Unser duales System der Berufsausbildung funktioniert ja nur innerhalb der Betriebe: Dort haben die Verantwortlichen einen Überblick über das, was passiert und was entsprechend an Personal gebraucht wird. Wenn ein Unternehmen aber immer mehr nach draußen gibt, verliert es den Überblick über den Bedarf und glaubt gleichzeitig, dass andere Ausbildungsleistungen übernehmen. Das ist ein Trugschluss.

Man kann sich ja auch gut ausgebildetes Personal bei einem Arbeitsvermittler ausleihen.

Sofern das da vorhanden ist. Leiharbeitsfirmen bilden die Fachkräfte nicht aus, so dass das Reservoir sich schnell erschöpft. Ich kenne Betriebe, die bis zu 50 Prozent ihres Personals ausleihen. Die werden dauerhaft Probleme mit der Qualifizierung ihrer Mitarbeiter bekommen.

Im Moment scheint aber, abgesehen vom Ingenieurmangel, das Problem nicht so groß zu sein.

Was wir jetzt bei den Ingenieuren sehen, ist die Spitze des Eisbergs. Facharbeiter haben eine „Lieferzeit“ von drei bis dreieinhalb Jahren, studierte Fachkräfte noch länger. Die Quittung für Fehler in der Fachkräfteplanung erhält man deshalb erst nach ein paar Jahren, aber dann ist es zu spät. Wenn alle sich so verhalten, laufen alle wie die Lemminge in den Abgrund. Deshalb müssen Wirtschaft und Politik endlich reagieren.

Und wie?

Als Erstes muss man in den Branchen regelmäßig die Bedarfe analysieren und sich das Wissen verschaffen, das durch Outsourcing und Leiharbeit verlorengegangen ist. Dann braucht man Prognosen für die nächsten fünf bis zehn Jahre, die den Jugendlichen Signale für ihre Berufswahlentscheidungen und den Betrieben und den Universitäten Signale für die Bereitstellung von Ausbildungsmöglichkeiten geben. Die tatsächlich erforderlichen Ausbildungsplätze werden wir aber nur mit einem Umlagesystem bekommen.

Wirtschaft und Politik lehnen das aber nach wie vor ab.

Es geht doch darum, die Firmen, die noch komplett und über den Bedarf ausbilden, zu unterstützen. Dazu müssen die Firmen, die nicht ausbilden, einen Kostenbeitrag zugunsten der Ausbildungsbetriebe leisten. Das liegt auch im Interesse der jeweiligen Branchen, die sich so auf faire Weise ihren Nachwuchs sichern.

Regina Görner (56)

ist Vorstandsmitglied der IG Metall. Zuvor war die CDU-Politikerin , die auch dem Parteivorstand angehört, Sozialministerin im Saarland. Mit Görner sprach Alfons Frese.

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