Wirtschaft : Leipziger Altbauten tragen Schneiders Handschrift

MANFRED SCHULZE

Der Bauspekulant prellte die Banken und renovierte die StadtMANFRED SCHULZE

LEIPZIG.Der kleine Mann aus dem Westen war immer ein besonders netter Herr: "Die Dr.Jürgen Schneider-Stiftung hat es sich zum Ziel gesetzt, kleinen Unternehmen oder Technikern für besonders innovative Entwicklungen mit einem jährlich ausgelobten Preis von 10 000 DM den Start in den Wettbewerb zu erleichtern", ließ der Mann durch seinen Pressestab verkünden.Ganz wie es sich für hohe Herrschaften gehörte, wurde der Mann mit feinsten Nadelstreifen und künstlichem Haar bei solcherart Sponsorenauftritten stets mit Gattin gesehen. Jürgen Schneider, Wessi und von Anfang an offenkundig Immobilienhai, galt in Leipzig bei den meisten Bürgern als das Beispiel dafür, daß die beiden so häßlichen Worte ihre durchaus guten Seiten hatten.Wieviele Grundstücke der wirtschaftliche Nobody zwischen 1991 und 1994 in Leipzig zusammenkaufte, ist nie ganz genau ermittelt worden.Doch allein in der relativ kleinen City, wo damals Bodenpreise von bis zu 15 000 DM je Quadratmeter gezahlt wurden, hatte der Königsteiner mit Barthels Hof, dem Romanushaus, dem Fürstenhof und der Mädlerpassage sowie einigen Messehäusern ein beachtliches Immobilienimperium zusammengeführt.Meist waren die Gebäude im ruinösen Zustand, doch Schneider schreckte das nicht.Immerhin, was er bis zu seinem Verschwinden anpackte, das strahlt heute weitgehend denkmalgerecht und edel saniert von seiner besten Seite und bringt der Stadt Pluspunkte beim Image. An anderen Schneider-Gebäuden, wie an der Katharinenstraße oder dem künftigen Landgericht drehen sich jetzt erst die Kräne.In mehreren dieser Fälle hatten die übervorteilten Banken zunächst versucht, über eine Zwangsversteigerung wenigstens einen Großteil ihrer Hypotheken wieder hereinzuholen ­ vergeblich.Schneider hatte schon den doppelten Wert draufgeschlagen, und dann stürzten seit 1994 auch noch die Immobilienpreise.Mittlerweile bauen die Banken deshalb nun selbst die an sie verfallenen Gebäude fertig und werden sie wohl auch ­ zumindest mittelfristig ­ selbst vermarkten.Und weil Banken bekanntlich einen sehr langen Atem haben, sind mittlerweile selbst in einer Toplage wie Barthels Hof die Mietpreise auf so erschwingliche Werte gefallen, daß sich die Schaufenster schon recht gut gefüllt haben und auch der hier ansässige Wirt sein Bier nicht zu Mondpreisen anbieten muß, um die Pacht zu erwirtschaften. Die Tage, als Herr Schneider verschwand und bald als dauerhaft abwesend angesehen werden mußte, sind heute längst verblaßt.IHK und Handwerkskammer hatten damals vorsorglich Notfalltelefone eingerichtet, weil zahlreiche Konkurse zu befürchten waren.Auf rund zehn Mill.DM schätzt aus heutiger Sicht Frank Schneiderheinze von der Handwerkskammer den Schaden, den Kleinunternehmer damals erlitten.Pleiten aber gab es keine, und das nicht nur wegen der Notfallkredite der Sächsischen Aufbaubank und Schnellaufträgen durch die Stadt für notleidende Betriebe, die sofort bezahlt wurden.Denn "zehn Prozent nicht bezahlte Rechnungen sind am Bau mittlerweile üblich", meint Schneiderheinze und berichtet von "vielen kleinen Schneidern am Bau", die zum Alltag gehörten. Weil Schneider in Leipzig mit seinen Betrügereien kaum die kleinen Firmen, dafür vor allem die Banken traf, aber die Bauten oft gründlicher restaurierte, als das aus wirtschaftlicher Vernunft möglich wäre, wird dem Baulöwen auch jetzt kaum etwas nachgetragen.Im Gegenteil: Die zahlreichen Unternehmer, die sich über Arbeitsplatzgarantien hinwegsetzen, nachdem über die Fördermittel-Millionen Gras gewachsen scheint, und Betriebe nach gutdünken schließen, kommen schließlich auch ungeschoren davon, ebenso jene, die ihre Rechnungen nicht bezahlen.Warum also Schneider verurteilen ­ nur, weil er sein schlimmes Spiel nicht mit den kleinen Leuten, sondern den großen Banken trieb? Daß Schneiders Stiftung den zuvor in allen Medien groß angekündigten Preis nicht ein einziges Mal vergab ­ angeblich aus Mangel an geeigneten Kandidaten ­ wer weiß das heute noch...

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