Wirtschaft : Leitlinien zur Unternehmenskontrolle: Ein Knigge für die Deutschland AG

Martina Ohm

Ex-Bahnaufsichtsratschef Dieter Vogel schwant nichts Gutes. Die Bemühungen um Reformen der Corporate Governance in Deutschland drohten in endlosen Diskussionszirkeln und unzähligen Arbeitskreisen unterzugehen, orakelt Vogel. Am Ende, so die Befürchtung, wird sich der Reformeifer der ersten Stunde verflüchtigen. Denn: Für zu viele der Beteiligten ist der Status quo äußerst angenehm. Am Mittwoch will die vor einem Jahr von Kanzler Schröder eingesetzte Regierungskommission Corporate Governance ihre Ergebnisse veröffentlichen. Dann geht die Debatte womöglich erst richtig los: Anlegerschutz, Haftungsvorschriften für Vorstände und Leitlinien zur Unternehmenskontrolle. All das hat man schon öfter gehört: Vor zwei Jahren von der OECD. Im letzten Jahr von der selbst ernannten Grundsatzkommission Corporate Governance - einer Frankfurter Gruppe unter Mitwirkung des Deutschen Aktieninstituts und der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Und schließlich von einem Berliner Initiativkreis, der unter anderem von Schering-Vize Klaus Pohle und Heinz Dürr begleitet wird.

Doch die Arbeit der Regierungskommission erhebt Anspruch auf eigene Qualität. Handfeste Gründe sprechen für einen raschen Wandel. Dafür, den im Rahmen ihrer Expertenrunde erarbeiteten Verhaltenskodex für das Management in die Praxis umzusetzen. Nicht nur die zahlreichen Firmenpleiten der Internet-Generation zeigen Handlungsbedarf. Eben erst hat das Debakel bei der Bankgesellschaft auf eindrucksvolle Weise vor Augen geführt, wie Fehlverhalten von Vorständen, Aufsichtsräten und Wirtschaftsprüfern zum Gau führen kann. Auf Kosten der Aktionäre und Steuerzahler. Und die Bankgesellschaft ist kein Einzelfall. Ob Holzmann, Metallgesellschaft oder Bremer Vulkan - immer wieder versagt die Unternehmenskontrolle, dominieren Interessenverflechtungen.

Bereits seit geraumer Zeit drängen amerikanische und britischen Fondsmanager darum auf Leitlinien zur Unternehmenskontrolle im deutschen Firmenalltag und Transparenz in der Deutschland AG. Sie vermissen, dass sich die Top-Manager deutscher Publikumsgesellschaften nicht an verbindlichen Grundsätzen orientieren müssen wie das andernorts gang und gäbe ist. Weltweit gibt es etwa 60 Standards. Und auch Deutschland kennt einen Code of Best Practice für börsennotierte Gesellschaften - aber ohne verpflichtendes Gütesiegel der Regierung. Ein klarer Nachteil für den Finanzplatz Deutschland, finden die Unternehmensberater von McKinsey. Der US-Pensionsfonds Calpers hat diesen Nachteil quantifiziert: Aktienkursgewinne zwischen elf und 15 Prozent wären realisierbar, würde endlich ein verbindlicher Knigge für Chefkontrolleure und Vorstände in Deutschland aufgelegt.

Genau das hat die Bundesregierung jetzt vor. Auch Rot-Grün liegt der Aktionär am Herzen: Weil die Aktie als Geldanlage, auch im Rahmen der privaten und betrieblichen Altersvorsorge, kontinuierlich an Bedeutung gewinnt, muss Fehlverhalten von Vorständen, Aufsichtsräten und Wirtschaftsprüfern, das zu Kursverlusten führen kann, tunlichst vermieden werden. Der von der Regierungskommission erarbeitete Verhaltenskodex für die Wirtschaft mit verbindlichen Leitlinien für erfolgreiche Unternehmensleitung und verantwortliche Unternehmenskontrolle soll nach Überzeugung der Fachleute dazu beitragen.

Allein: Der Kodex wird kein Gesetz. Die Anwendung ist nicht einklagbar. Einige Empfehlungen, sagt der Leiter der Regierungskommission, der Frankfurter Jurist Theodor Baums, könnten im Rahmen des vierten Finanzmarktförderungsgesetzes festgeschrieben werden. Im Übrigen bleibt der Kodex eine Richtschnur, an der sich Aufsichtsräte und Vorstände freiwillig orientieren. Trotzdem wird mit breiter Akzeptanz gerechnet. Wie in Großbritannien wäre es dann eine Verpflichtung, sich an den neuen Leitlinien zu orientieren. Wer sich nicht daran hält, muss das begründen und setzt sich der Kritik der Börse aus.

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