LEITWÄHRUNG Löst der Euro den Dollar ab? : Der Fluch der Stärke

Die europäische Gemeinschaftswährung ist so viel wert wie nie zuvor. Darunter leidet die Wirtschaft

Stefan Kaiser

Als es ernst wurde, machten die Chefs der Opec-Staaten die Türen zu. Im Verborgenen wollten die Ölförderländer über den Verfall des US-Dollars beraten. Doch ihr Unmut kam schnell zutage. „Sie kriegen unser Öl, und sie geben uns dafür ein wertloses Stück Papier", tönte Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad nach dem Treffen am vergangenen Wochenende im saudi-arabischen Riad. Alle Teilnehmer hätten „Interesse gezeigt“, ihre Devisenreserven in eine „glaubwürdige, harte Währung umzuschichten“. Ins selbe Horn bliesen die Präsidenten von Venezuela und Ecuador, Hugo Chavez und Rafael Correa.

Nun gelten alle Beteiligten nicht gerade als Freunde der USA. Doch hinter ihren markigen Worten steckt ein ernstes Problem: Weil Ölgeschäfte bisher weltweit in Dollar abgerechnet werden, schmälert der dramatische Wertverlust die Gewinne der Ölstaaten. Um die Verluste zu kompensieren, heben sie die Preise an. „Der Ölpreis ist auch deshalb so hoch, weil der Dollar so schwach ist“, sagt Peter Bofinger, Mitglied des Sachverständigenrats der Bundesregierung.

Die Opec-Staaten sind nicht die einzigen, die das Vertrauen in den Dollar verloren haben. Auch in China denkt man neuerdings laut über eine Umschichtung der Währungsreserven nach, die auf bis zu 1,5 Billionen Dollar geschätzt werden.

Solche Nachrichten schwächen die amerikanische Währung nur noch mehr. Bei internationalen Investoren hat der Dollar ohnehin deutlich an Beliebtheit eingebüßt. Weil die US-Wirtschaft unter den Folgen der Immobilienkrise leidet und die Notenbank Fed bereits zweimal die Zinsen senken musste, verlieren Dollar-Anlagen an Attraktivität. Die Alternative heißt Euro: In Scharen flüchten die Anleger in die europäische Gemeinschaftswährung, deren Kurs in den vergangenen Wochen von einem Rekordhoch zum nächsten kletterte (siehe Grafik). Am Freitag kratzte er sogar an der Marke von 1,50 Dollar, deren Erreichen die meisten Experten bis vor Kurzem nicht für möglich gehalten hatten. Die Euro-Stärke spüren auch die Verbraucher. In Europa werden US-Produkte billiger, die Amerikaner müssen dagegen mehr für europäische Waren ausgeben. Wer kann, reagiert darauf: Das Supermodel Gisele Bündchen ließ jüngst erklären, sie ziehe es vor, Honorare nur noch in Euro zu erhalten. In einigen New Yorker Restaurants kann man schon mit Euro zahlen. Und der Rapper Jay-Z fährt in seinem neuesten Video durch New York – mit einem Bündel voller Euro-Scheine.

Viele Experten, darunter der ehemalige US-Notenbank-Präsident Alan Greenspan, glauben, dass der Euro den Dollar mittelfristig als internationale Leitwährung ablösen kann. Dazu müsste er ihn aber gleich in mehreren Kategorien schlagen. Entscheidend für den Status einer Leitwährung ist nämlich nicht der Wechselkurs, sondern die Stellung einer Währung in der Weltwirtschaft.

Hier ist der Euro auf gutem Wege: Sein Anteil an den weltweiten Devisenreserven hat sich seit 1999 von 18 auf 26 Prozent erhöht. Der Dollar-Anteil ist entsprechend gefallen (siehe Grafik). Der Trend dürfte anhalten. Laut einer Studie der Deutschen Bank wird sich der Euro-Anteil an den Reserven bis 2010 auf 30 bis 40 Prozent erhöhen. „Es ist nicht auszuschließen, dass dies sogar noch schneller geht“, heißt es bei DB Research.

Auch als so genannte Ankerwährung holt der Euro auf. Nach Daten des Internationalen Währungsfonds (IWF) richten etwa 40 Länder in Europa, Afrika und dem Mittelmeerraum ihre Währung mittlerweile am Euro aus. Am Dollar orientieren sich rund 60 Länder, Tendenz sinkend. In der Finanzwelt halten sich Gerüchte, Saudi-Arabien und andere Golfstaaten könnten die Anbindungen ihrer Währungen an den Dollar lösen.

Beim dritten Kriterium, dem Handel, dominiert der Dollar zwar noch deutlich. Schätzungen gehen davon aus, dass knapp 50 Prozent des Welthandels in der US-Währung abgerechnet werden. Doch dies könnte sich dramatisch ändern. „Die entscheidende Frage wird sein, ob die Opec-Staaten die Abrechnung von Öl von Dollar auf Euro ändern“, sagt Manfred Neumann, Professor an der Universität Bonn. „Sollte das passieren, hätte das starke Konsequenzen.“

Experten bezweifeln, dass der Leitwährungsstatus für den Euro erstrebenswert ist. Schon jetzt leidet die hiesige Wirtschaft unter dem hohen Euro-Kurs, der ihre Produkte im Dollar-Raum teurer macht. Mit dem Euro als Leitwährung würde sich diese Entwicklung noch verschärfen, meint Peter Bofinger. „Eine große Umschichtung der Devisenreserven wäre verheerend“, warnt der Wirtschaftsprofessor. „Der Euro würde stark aufwerten und die deutsche Wirtschaft weniger wettbewerbsfähig machen.“ Er schlägt deshalb eine diplomatische Lösung vor: „Die Europäische Zentralbank sollte versuchen, diese Wünsche in einen geordneten Rahmen zu bringen, um einen abrupten Preisverfall des Dollar zu verhindern.“ Die großen Währungshalter müssten sich an einen Tisch setzen und ein Abkommen schließen. So könnten die Reserven Stück für Stück umgeschichtet werden. An einem zu schnellen Umtausch ihrer Reserven haben wohl auch die Chinesen kein Interesse. Denn mit jedem Dollar, den sie verkaufen, sinkt der Wert der übrigen. Experten gehen deshalb davon aus, dass es noch eine Weile dauern wird, bis der Euro den Dollar überholt. „Zehn bis 15 Jahre“, schätzt Bofinger – wenn bis dahin keine dritte Leitwährung aufgetaucht ist. Heißester Kandidat: der chinesische Renminbi.

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