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Leitzins bei 0,75 Prozent : EZB senkt Leitzins im Euroraum erstmals unter ein Prozent

Die EZB hat den Leitzins im Euroraum erstmals seit Einführung des Euro unter ein Prozent gesenkt. Die fundamentalen Probleme in der Euro-Zone löst das nicht - gibt selbst die EZB zu.

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Schwankende Märkte. Seit Mitte Dezember 2011 steht der Leitzins bei 1,0 Prozent.
Schwankende Märkte. Seit Mitte Dezember 2011 steht der Leitzins bei 1,0 Prozent.Foto: dpa

Der Zins wird um 0,25 Punkte auf 0,75 Prozent verringert. Das beschloss der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) am Donnerstag in Frankfurt, wie die Notenbank mitteilte. Die meisten Volkswirte hatten diesen Schritt im Kampf gegen eine Ausbreitung der Rezession erwartet.

„Nahezu jeder Anleger erwartet mittlerweile, dass die Zinsen gesenkt werden und neues Geld gedruckt wird“, umschreibt Eugen Keller vom Bankhaus Metzler die Lage an den Finanzmärkten am Mittwoch. Nach Ansicht von Michael Schubert von der Commerzbank stand der historische Schritt deshalb wohl fest, weil EZB-Präsident Mario Draghi Anfang Juni von gestiegenen Abwärtsrisiken für die Wirtschaft gesprochen hatte und sich die Lage in der Euro-Schuldenkrise nicht entspannt habe. Im EZB-Rat waren zuletzt Stimmen laut geworden, die in einer Zinssenkung ein Signal für mehr Vertrauen sehen. Zwei Drittel der befragten Volkswirte rechneten fest mit einer Lockerung des Leitzinses.

Im Mai 2009 hatte die EZB den Satz auf 1,0 Prozent gesenkt, dann bis Juli 2011 wieder auf 1,5 Prozent erhöht, bevor es wegen der wieder verschärften Schuldenkrise wieder nach unten ging. Seit Mitte Dezember 2011 steht der Leitzins wieder bei 1,0 Prozent. Zu diesem Satz leihen sich Banken bei der EZB Geld, das sie wiederum in Form von Krediten an Unternehmen und Verbraucher weitergeben. Ist der Leitzins niedrig, sind auch Kredite zur Ankurbelung der Wirtschaft und für Häuslebauer günstig.

Eine weitere Zinssenkung war wegen der Konjunkturschwäche sehr wahrscheinlich geworden, heißt es am Mittwoch bei der Landesbank Baden-Württemberg. „Auf der vergangenen Sitzung des EZB-Rates hatten angeblich bereits einige Mitglieder für eine sofortige Zinssenkung plädiert. Dies werten wir als deutliches Zeichen für einen weiteren Lockerungsschritt der EZB“, sagten die Analysten der Postbank. Gleichwohl dürfte ein solcher Schritt nicht mehr als ein Signal sein.

Video: Historischer Niedrigzins der EZB

Selbst EZB-Ratsmitglied Benoît Coeure räumte unlängst ein, dass mit einer Zinssenkung die fundamentalen Probleme in der Euro-Zone nicht gelöst würden. Die Kreditzinsen sind derzeit ohnehin niedrig. Investitionen und Konsumausgaben werden dadurch kaum gebremst. Dafür ist sehr viel stärker die anhaltende Unsicherheit über die weitere Entwicklung in der Euro-Zone verantwortlich.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) warnte am Mittwoch explizit vor einer Leitzinssenkung. Die EZB könne die Konjunktur im Euroraum durch Zinssenkung nicht mehr maßgeblich stimulieren, sagte DIW-Konjunkturchef Ferdinand Fichtner. Für Deutschland sei dies „sogar gefährlich“. In manchen Bereichen der deutschen Wirtschaft beobachte das DIW bereits Überhitzungserscheinungen. So sei die Konjunktur in der Bauwirtschaft so gut, dass man sich aus deutscher Sicht Gedanken über zu niedrige Leitzinsen machen müsse.

806 Milliarden Euro haben die Banken derzeit bei der EZB geparkt. Sinkt der Einlagenzins, der derzeit bei 0,25 Prozent liegt, könnte zumindest ein Teil abgezogen und wieder an andere Banken verliehen werden oder in die Kreditvergabe an Unternehmen und Verbraucher fließen.

Mit weiteren Sondermaßnahmen der EZB rechnen Volkswirte derzeit nicht. „Eine neue dicke Berta ist der EZB wohl noch zu dick“, sagt Commerzbank-Ökonom Schubert. Im Dezember und Februar hatte die EZB über zwei Sondergeschäfte – laut EZB-Chef Draghi jeweils eine „dicke Berta“ – den Banken insgesamt eine Billion Euro zu einem Zins von einem Prozent für drei Jahre zur Verfügung gestellt. Auch das Programm zum Ankauf von Staatsanleihen der Euro-Krisenstaaten ruht seit März. Bis dahin hatte die EZB Staatspapiere im Volumen von 210 Milliarden Euro hereingeholt. (mit dpa/dapd)

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