Wirtschaft : Leitzinsen: Notenbanken weltweit in der Senkungsrunde

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Volkswirte und Analysten spekulierten am Mittwoch darauf, dass die Europäische Zentralbank (EZB) auf ihrer Sitzung am Donnerstag, die Leitzinsen senken wird. Zusätzliche Würze erhielt die Diskussion durch Gerüchte um eine vorzeitige Ablösung von EZB-Chef Wim Duisenberg. Neun Monate vor Einführung des Euros und mitten in einer schwierigen konjunkturellen Lage beginnt damit die Diskussion um Duisenbergs Nachfolge.

Die Notenbanken der Welt haben in den vergangenen Tagen eine Zinssenkungsrunde eingeleitet, mit sich überschlagenden Ereignissen in der vergangenen Woche: Am Montag kehrte die japanische Notenbank de facto zur Nullzinspolitik zurück. Am Dienstag senkte die US-amerikanische Fed die den Leitzins um 50 Basispunkte auf 5,0 Prozent. Seit Jahresbeginn addieren sich die US-Zinssenkungen auf 150 Basispunkte. Auch europäische Notenbanken folgen dem Trend: Am Donnerstag senkte die Schweizerische Notenbank ihren Leitzins um 25 Basispunkte. Die Bank of England hatte schon Anfang Februar ihre Basisrate von sechs auf 5,75 Prozent vermindert, nach zwölfmonatiger Abstinenz. Bislang hält nur noch die EZB dagegen: Ihr Hauptrefinanzierungssatz liegt seit Oktober 2000 bei 4,75 Prozent. Solches Hinterherhinken einzelner Notenbanken ist, historisch betrachtet, nicht ungewöhnlich.

Immer wieder zeigen sich Phasen, in denen einzelne Notenbanken über Monate dem weltweiten Trend nicht folgten oder sogar gegensteuerten. Das galt etwa zu Beginn der 90er Jahre: Die US-Wirtschaft rutschte damals in die - kurze - Rezession; Deutschland erlebte den Wirtschaftsboom der Wiedervereinigung. Die Fed senkte von Sommer 1990 bis Herbst 1992 in zum Teil kräftigen Schritten die Fed-Fund-Rates, die Bundesbank hingegen erhöhte im selben Zeitraum systematisch den Repo-Tendersatz. Mitte der 90er Jahre war es umgekehrt: Die Fed erhöhte von Februar 1994 bis Februar 1995, während die Bundesbank langsam mit ihren Zinsen nach unten ging. Zinssenkungen im Ausland sind also für sich genommen noch kein hinreichender Grund für die EZB, den Beispielen zufolgen.

Ulrich Kater von der DGZ-Deka-Bank sagt: "Nur wenn die Konjunkturzyklen parallel laufen, wirkt der weltweite Zinssenkungsdruck in die gleiche Richtung. "Anfang und Mitte der 90er Jahre war das zwischen den USA und Deutschland nicht der Fall. Die offene Frage ist, ob die Konjunkturzyklen diesmal hinreichend parallel laufen, um die EZB zu einer Zinssenkung zu bewegen. Bis in den März hinein haben Vertreter der Euro-Bank sehr betont darauf verwiesen, dass die Euro- von der US- Wirtschaft weitgehend unabhängig sei, dass Binnenkräfte den hiesigen Aufschwung trügen. Der Tonfall hat sich geändert; verstärkt verweisen die EZB-Oberen nun auf außenwirtschaftliche Risiken. Drückt der Einbruch in den USA das heimische Wachstum auf oder unter die Potenzialrate von etwa 2,5 Prozent, verringert sich auch der Preisdruck im Euro-Raum. Eine unveränderte Geldpolitik würde dann nicht mehr neutral, sondern restriktiv wirken. Um dem vorzubeugen, ist eine leichte Zinssenkung der EZB möglich.

Der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Norbert Walter, hat die Europäische Zentralbank aufgerufen, ihre Leitzinsen vorerst nicht zu senken. Euroland wachse stärker als Deutschland, daher "sollte die EZB die gegenwärtigen Refinanzierungszinsen beibehalten, solange die europäische Konjunktur nicht abzusacken droht", sagte Walter.Außerdem spreche die nach wie vor vorhandene Inflationsgefahr gegen eine Zinssenkung. Dagegen forderte Martin Hüfner von der Hypovereinsbank die EZB auf, ihre Zinsen jetzt zu senken. "Es wird Zeit zu handeln", sagte Hüfner. Chefvolkswirt Thomas Mayer von Goldman Sachs warf der EZB vor, ein Bild der Verwirrung zu bieten. "Wenn eine Zinssenkuing hilft, diese Verwirrung aufzulösen, sollte sie den Schritt tun."

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