Wirtschaft : Leo Kirch rechnet mit Springer ab

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Berlin (fo). Bernhard Servatius rang zuletzt um die Fassung. Seinen Abschied nach 17 Jahren als Aufsichtsratsvorsitzender des Axel Springer Verlags hatte er sich anders vorgestellt. Der grauen Eminenz des Zeitungshauses fehlten zeitweise die Worte und vor 300 Aktionären machte er keinen Hehl daraus, dass dieser Job „nicht immer eine angenehme Aufgabe“ war. Auch an diesem Mittwoch nicht.

Im Hintergrund saß Leo Kirch, dirigierte seine - vermutlich letzte - Attacke auf die Führungsgremien des Verlagshauses. Servatius sah sich mit massiven Vorwürfen konfrontiert: mit einem Antrag auf Sonderprüfung der Bilanz 2001, mit Schadenersatzklagen gegen den Vorstand, mit Androhung der Nichtentlastung des amtierenden Vorstands und der Verlegerin Friede Springer. Leo Kirch, dessen Medienreich gerade vom Insolvenzverwalter verwertet wird, bäumte sich noch einmal auf. So einfach wollte er sich nicht davonjagen lassen.

Noch hält er 40 Prozent der Springer-Aktien, über die er nach einen Kompromiss mit der Deutschen Bank bis Ende August verfügen darf. Dann ist die Bank am Zuge. Noch ist er ordentliches Mitglied des Aufsichtsrats. Und in dieser Funktion nahm er auf dem Podium Platz, eingerahmt von Friede Springer und dem künftigen Springer-Aufsichtsratschef Giuseppe Vita.

Pikant wurde es gegen Mittag, als Kirchs Vertreter Ronald Frohne das Wort ergriff. Der fuhr schweres Geschütz gegen Aufsichtsrat, Vorstand und Friede Springer auf, der Platznachbarin seines Auftraggebers. Der Vorstand habe den Verlag und die Aktionäre geschädigt, nur zum Vorteil der Hauptaktionärin Friede Springer gehandelt und massiv gegen Grundsätze des Aktienrechts verstoßen. Das saß. Doch die Verlegerin, Servatius und der Vorstandschef Mathias Döpfner verzogen keine Miene.

So dramatisch wie im Sommer 1989 kam es dann aber nicht. Damals zwangen die Kirch-Anwälte der Springer-Hauptversammlung ein zehnstündiges Wortgefecht auf. Zuvor hatte Leo Kirch heimlich Aktien des Verlages aufgekauft und sprach so ein gewichtiges Wort mit. Diesmal gab es nur einen großen Auftritt des Kirch-Vertreters. Und es gab noch einen Unterschied. Friede Springer verfügt inzwischen über gut 50 Prozent der Aktien und damit eine klare Mehrheit. Die Anträge aus dem Hause Kirch wurden gar nicht erst zur Abstimmung zugelassen. Servatius konterte am Mittwoch in gewohnter Routine, die Anspannung des 70-Jährigen war aber zu spüren. Und Döpfner? Der wich aus und entschuldigte seine „Wortkargheit mit der angespannten juristischen Situation.“

Kirch und Springer sind verkracht, seit Döpfner Ende vor Monaten darauf bestand, die 11,5-prozentige Beteiligung des Verlags am Kirch-Sender Pro Sieben Sat 1 zurückzugeben und vertragsgemäß 770 Millionen Euro von Kirch dafür zu fordern. Danach nahm der Zusammenbruch des bayerischen Medienimperiums seinen Lauf. Schnell war die Dolchstoßlegende geboren. Ungewöhnlich offen dementierte Servatius vor den versammelten Aktionären: Der Vorstand habe umsichtig entschieden, die Alternative sei „nicht insolvenzsicher“ gewesen.

Ahnend, dass in wenigen Minuten die bis dahin ruhige Hauptversammlung eine Wendung nehmen würde, fügte der Vertraute Friede Springers hinzu: Der Verlag sei mit der jetzigen Aktionärsstruktur sehr glücklich. Man schätze den Rat Kirchs, es sei ihm „stets um Gesellschafts-Interessen und nicht um Gesellschafter-Interessen gegangen“.

Das Loblied auf Kirch änderte nichts am folgenden Angriff. Frohne warf dem Verlagsmanagement vor, das Angebot Kirchs zum Kauf weiterer 16,5 Prozent an der Pro-Sieben-Senderfamilie für 210 Millionen Euro ausgeschlagen zu haben. Hätte Kirch akzeptiert, gäbe es heute keinen Streit, meinte Frohne. Döpfner sieht das naturgemäßg ganz anders und stellte klar, dass das Fernsehgeschäft nicht zu den Kernaktivitäten der Springer-Gruppe zählt - noch nicht. Denn gemeinsam mit dem Bauer-Verlag prüft Springer, ob sich ein Angebot für die insolvente Kirch Media lohnt. So stiege Springer doch noch ganz groß ins TV-Geschäft ein.

Friede Springer sagte nichts, Leo Kirch schwieg. Und doch war es ihr Duell. Am Ende blieb die kleine Abrechung: Den Aufsichtsräten Leo Kirch und Friede Springer wurde die Entlastung verweigert - jeweils mit den Stimmen des Gegnerns.

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