Wirtschaft : Leo Philipp Giliard

(Geb. 1980)||Was aus ihm wohl geworden wäre? Aussteiger oder Kapitalist?

Sandra Stalinski

Was aus ihm wohl geworden wäre? Aussteiger oder Kapitalist? Was mag ihn getrieben haben, als er in dieses Auto stieg? Eigentlich setzte er sich in solchen Momenten aufs Fahrrad. Wenn ihm alles zu viel wurde. Den Stress und den Frust wegstrampeln. Als er seine letzte Pflegepatientin um 22 Uhr verließ, sagte er: „Ich bin müde, ich fahre nach Hause.“ Was in den folgenden acht Stunden bis zum Unfall passierte, weiß niemand.

Vielleicht wollte er sich mit jemandem treffen irgendwo in Brandenburg? Vielleicht auch nur die Nacht durchfahren in den Morgen, im Auto Musik hören, nachdenken. Es regnete. Warum fuhr er ohne Sicherheitsgurt? Wenn seine Mutter mit ihm fuhr, sagte er: „Du bist nicht angeschnallt!“ Leo war ein besonnener Autofahrer.

Ganz anders auf dem Fahrrad. Als seine Freunde von dem Unfall hörten, waren sie überzeugt: Das muss mit dem Rad passiert sein. Zwei Wochen vorher hatte er sich ein neues Rennrad gekauft. Auf der Havelchaussee testete er, wie viel das Ding hergab. Fast 80 Sachen hat er rausgeholt. Dass die Mutter seine Begeisterung nicht teilen konnte, hat ihn fast wütend gemacht. „Warum freut ihr euch denn nicht mit mir?“ – „Leo, das ist doch gefährlich.“ – „Ihr könnt mir ja einen Helm schenken.“

Leo war Sportler und Abenteurer. Ausdauerlauf, Klettern, Bergwandern, Kanadier fahren. Auf einen aktiven Vulkan ist er mal gestiegen. Mit 14 die Radtour mit dem Vater: 700 Kilometer in vier Tagen. Breite Schultern, Trekking-Sandalen und durchtrainiert bis auf den letzten Muskel. „Stimmt mein Waschbrettbauch noch?“, fragte er seine Schwester und zog grinsend sein T-Shirt hoch. In der Schule haben sie ihn gehänselt: „Du nimmst doch Anabolika!“ Seitdem lief er in schlabberigen Klamotten herum.

Seinen Zivildienst machte er in Südafrika auf einer Missionsstation. Was er dort sah, hat ihn traurig gemacht, aufgewühlt. Und was er erlebte, hat ihn geprägt. Mehrfach ist er überfallen, verprügelt und auch mit dem Messer verletzt worden. Dass es eine gefährliche Ecke war, wo er hinging, ein altes Kriegervolk, das wusste er vorher.

Dann fingen die Albträume an und, zurück in Deutschland, die vielen Nachtschichten am Schreibtisch. Schlafen konnte er ja sowieso nicht. Er studierte Geografie und VWL, vor allem Entwicklungspolitik. Wie man diesen Menschen helfen könnte? Leo ist nicht nach Afrika gegangen, um die Welt zu verbessern. Dass er das nicht konnte, wusste er. Aber er hat sich berühren lassen. Egal ob in Afrika, oder beim Pflegedienst, für den er arbeitete. Gerechtigkeitsfanatiker, nannten ihn seine Freunde.

Seine Erfahrungen machten ihn kritischer, resignierter. Er lernte, wie verzwickt das alles war mit der Entwicklungshilfe. Auch das Studium lief nicht so, wie er sich das vorstellte. Er war ehrgeizig, hängte die Messlatte drei Mal höher als erreichbar.

Dann diese Einbrüche, Momente, in denen er dachte: Ich schmeiß’ alles hin! Ob er gut genug sein würde, den richtigen Job zu bekommen? Sein Traum vom Sozialprojekt auf einer Insel, Leben im Ausland. Ob er sich je erfüllen würde?

Entweder Leo wäre Aussteiger geworden, oder Kapitalist. Dazwischen war kaum etwas vorstellbar. Geschäftstüchtig war er früh: als Zehnjähriger stellte er sich auf den Weihnachtsmarkt und spielte auf seinem Waldhorn. Wie einfach das war, in so kurzer Zeit so viel Geld zu verdienen!

Geld ausgegeben hat er hingegen nur für das, was ihm wirklich wichtig war. Er brauchte nicht viel: Schreibtisch, Matratze, Laptop. „Was wollt ihr mit eurem ganzen Luxus?“ Nur beim Essen hat er keine Abstriche gemacht. Die Mensa hat er gemieden, stattdessen täglich selbst gekocht.

Wer Leo kennenlernte, war entweder beeindruckt oder eingeschüchtert. Einer, der auffiel, schon durch sein Aussehen: der imposante Körper, die Engelslocken, die bunten Hemden aus Afrika – ein Surfer-Typ. Allerdings einer, der kein Blatt vor den Mund nahm. „Wenn du was gegen mich hast, dann sag’s mir ins Gesicht.“ Sein Anspruch an andere war hoch, genau wie der an sich selbst.

Er war auf der Suche. Wonach, wusste er wohl selbst nicht so genau. Nach einer festen Beziehung, auch das. Er war nicht fürs Alleinbleiben geschaffen. „Lilalaunebär“, „Kuschelbär“, „Leobär“: Seiner besten Freundin musste er beibringen wie eine richtige Umarmung geht. „Jetzt streck mal deinen Po nicht so weit raus.“ Festhalten und festgehalten werden.

Aber er hatte immer Pech mit den Frauen. Natürlich, es musste eine sein, die wusste, was sie wollte, „nicht so ein Püppchen mit Handtäschchen“. Und dann verliebte er sich immer in solche, die kurz darauf ins Ausland gingen.

Jetzt erstmal das Semester bis zum Ende durchziehen. Das Blockseminar und die VWL-Klausur waren durch, nach diesem Wochenende, nach der letzten Nachtschicht schlafen und dann richtig feiern! Die Flasche Wodka war schon gekauft. Danach der Schweden-Urlaub mit dem besten Freund. Im Sommer wollte er wieder nach Afrika oder sonst wohin zum Praktikum. Die Absagen haben ihn gewurmt. Dass er für ein Projekt in Kenia doch noch eine Zusage bekam, hat er nicht mehr erfahren.

Sie fuhren zu ihm ins Krankenhaus, Vater, Mutter und die Schwester, die noch ein paar Klamotten eingepackt hatte und acht Tafeln Ritter Sport aus dem Spätkauf. Fast unversehrt lag er da, auf der Intensivstation. Kaum ein Kratzer, nicht mal blaue Flecken, nur der Verband am Hinterkopf. Aber die inneren Verletzungen ließen ihm keine Chance. Jeder andere wäre direkt am Unfallort gestorben. Doch Leo war Sportler, er hatte ein starkes Herz.

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