Wirtschaft : Leonhard Fischer - Ein Banker mit Charme

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Charme ist nicht gerade eine unter deutschen Bankern verbreitete Eigenschaft. Leonhard Fischer ist charmant. An Selbstbewusstsein mangelt es ihm freilich auch nicht. Fischer hat schon Karriere gemacht, als andere noch an den Schulaufgaben saßen. Seit Jahren wird er unter der Rubrik Frühstarter geführt. Das gilt bis heute: Der 37-jährige Investementbanker ist der neue starke Mann bei der Dresdner Bank, neben dem Vorstandschef Bernd Fahrholz.

Spötter fügen hinzu, Fischer sei auch bald der einzige Vorstand der fusionsgebeutelten Bank, nachdem ein großer Exodus auf der Führungsgsetage eingesetzt hat. Das würde dann selbst für Fischer eine Überforderung werden. Die Zeit zwischen der angekündigten und der geplatzten Fusion der beiden Banken bot Raum für die großen Intrigen: Dass Fischer dabei die Rolle des Waisenkindes spielte, ist unwahrscheinlich. So heißt es, der für das Investmentgeschäft bei der Deutschen Bank zuständige Michael Dobson habe lieber demissioniert, als mit der Erwartung zu leben, dereinst eine Ebene unter Fischer arbeiten zu müssen. Auch der Londoner Chef der Deutschen Bank, Edson Mitchell, hat wohl auch wegen Fischer so energisch für einen Verkauf von Kleinwort Benson votiert. Fischer, Dobson, Mitchell, das sind Banker neuen, nämlich angelsächsischen Stils: hochbezahlte Primadonnen, die mit harten Bandagen - aber zumeist fair und charmant - miteinander umgehen. Ihr Intrigenspiel ist das eigentlich Neue am deutschen Bankenfusionsdrama.

Für deutsche Banken ist Fischer eine ganz und gar ungewöhnliche Figur, für angelsächsische Investmentbanken eben nicht. Nach einem Betriebswirtschaftsstudium in Deutschland hat Fischer lange Jahre in New York bei J.P. Morgan gearbeitet. Er wechselte nach Deutschland, blieb dem amerikanischen Institut aber treu, zuletzt als Co-Head Global Markets in Frankfurt. Bei deutschen Banken geht es vornehm, förmlich und indirekt zu. Bei amerikanischen Häusern sind sie schnell, direkt und ungeschnörkelt. Für einige der alten Dresdner Banker muss es einen Kulturschock bedeutet haben, als ihre Bank 1998 Fischer als jüngstes Vorstandsmitglied holte. Früher galt die Devise: In einer deutschen Bank muss man sich hochdienen von der Pike auf, um dann im gesetzten Alter in den Vorstand zu kommen.

Fischer ist von sprühender Intelligenz, die längst nicht nur auf die Zahlen seines Arbeitsgebietes begrenzt bleibt. Von ihm stammen kluge Analysen über die Zukunft des europäischen Kapitalismus und die Krise seines politischen Systems. Dabei redet Fischer positiv über Deutschland: "Wir unterschätzen unseren eigenen Nachholbedarf im Konsum. Wir unterschätzen die Veränderungen, die schon stattgefunden haben." Der heilsame Druck, eine höhere Kapitalproduktivität zu schaffen, werde Deutschland gut tun. Wenn Fischer so redet, kann er sich auch vorstellen, einmal nicht mehr Banker zu sein: sondern vielleicht Politiker.

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