Wirtschaft : Lernen mit Aussicht

In Berlin kann sich jeder Arbeitnehmer fünf Tage im Jahr für Weiterbildung freistellen lassen – auch für Sprachreisen.

Viola Zech
Herrlich. Mit so einem Blick wie hier auf Malta paukt es sich gleich viel leichter. Man lernt neue Menschen kennen und kann etwa bei einer Sprachreise die neuen Kenntnisse gleich mal beim Bäcker ausprobieren. Es lohnt sich, den Anspruch auf Bildungsurlaub wahrzunehmen. Foto: picture-alliance
Herrlich. Mit so einem Blick wie hier auf Malta paukt es sich gleich viel leichter. Man lernt neue Menschen kennen und kann etwa...Foto: picture-alliance / gms

Xenia Müllers letzter Urlaub begann jeden Tag pünktlich um neun Uhr mit vier Stunden Englischunterricht. Nach intensivem Lernen von Vokabeln, Grammatik und Aussprache machte sie eine kurze Mittagspause, anschließend ging es weiter im Einzelunterricht. Und abends vertiefte sie das zuvor Gelernte am Schreibtisch in weiteren ein bis zwei Stunden. „Ein Erholungsurlaub war das nicht, Zeit für Faulenzen blieb wenig. Aber das Lernen hat sehr viel Spaß gemacht“, sagt Xenia Müller. Die 51-Jährige hat über die Sprachschule GLS einen dreiwöchigen Sprachkurs im nordirischen Belfast gemacht. „Ein sicherer Umgang mit Englisch ist in meinem Beruf sehr wichtig“, sagt sie. In ihrem Job in der Immobilienwirtschaft kommuniziert sie viel mit internationalen Künstlern.

Fünf Tage der Sprachreise hat Xenia Müller als Bildungsurlaub anrechnen können. Das ist für alle sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten in Berlin gesetzlich möglich, sofern die Kurse offiziell als Bildungsurlaub anerkannt sind. Doch nur die wenigsten nutzen die Chance auf Freistellung im Beruf für eine berufliche oder politische Weiterbildung. Nicht einmal ein Prozent der Berliner Angestellten haben im vergangenen Jahr Bildungsurlaub genommen. Dabei sind die Angebote sehr umfangreich und vielfältig: sie reichen von Computerkursen über Fremdsprachenkurse, bis zu spannenden Angeboten zur politischen Bildung.

Ein Grund, warum das Recht auf Urlaub zu Bildungszwecken so selten genutzt wird, ist zum einen, dass die Teilnehmer die Kosten für die Kurse selber tragen müssen. Aber auch das weiterbildungsfeindliche Klima in vielen Betrieben und Unternehmen ist ein Grund für die geringe Teilnahme an Bildungsurlaubsveranstaltungen.

„Der Umgang der Arbeitgeber mit dem Recht auf Bildungsurlaub macht uns Sorgen“, sagt Astrid Westhoff, stellvertretende Landesbezirksleiterin von Verdi Berlin-Brandenburg. Von Seiten der Arbeitgeber komme vielen Angestellten, die nach Bildungsurlaub fragen, hoher Widerstand entgegen. „Die Frage nach Bildungsurlaub trauen sich viele gar nicht zu stellen. Denn die Arbeitnehmer wissen, dass die Kollegen während dieser Zeit die doppelte Arbeit bewältigen müssen.“

Verdi bietet eine Vielzahl von Seminaren und Workshops an, die als Bildungsurlaub anerkannt sind. Zum einen im eigenen Haus, unter anderem aber auch in Zusammenarbeit mit dem Verein Arbeit und Leben, etwa „Das Muslimische Berlin – eine Annäherung an den Islam“. Ein Kurs, der den Teilnehmern die Weltsicht der über 200 000 Menschen islamischen Glaubens, die in Berlin leben, näher bringen soll. Auch der Besuch von Moscheen ist Teil des fünftägigen Seminars (siehe Infokasten).„Es gibt tolle Angebote und wir würden es uns wünschen, dass das Recht auf Bildungsurlaub mehr genutzt wird“, sagt Astrid Westhoff von Verdi.

Auch die Senatsverwaltung würde es begrüßen, wenn mehr Berliner ihr Recht auf Bildungsurlaub in Anspruch nehmen würden. „Bildungsurlaub ist ein wichtiges Thema für uns und der Ausbau von Weiterbildungsmaßnahmen und die Fachkräftesicherung ist innerhalb der SPD ein seit Langem diskutiertes Thema“, sagt Antje Schwarzer, Leiterin des Büros der Senatorin für Arbeit, Integration und Frauen Dilek Kolat. Die Senatsverwaltung für Arbeit, Integration und Frauen prüft, ob eine Veranstaltung die Kriterien eines Bildungsurlaubes erfüllt. Der Antrag auf Bildungsurlaub wird vom Veranstalter des Kurses bei der Senatsverwaltung gestellt und ein Teilnehmer muss lediglich eine Veranstaltung auswählen und das Ok seines Chefs einholen.

Auch Xenia Müller musste sich um die Beantragung ihres Bildungsurlaubs bei der Senatsverwaltung nicht selber kümmern, das übernahm die Sprachschule für sie. „Sprachreisen als Bildungsurlaub sind sehr gefragt. Schätzungsweise jede dritte Buchung bei uns ist ein Bildungsurlaub“, sagt Miriam Walter von der Sprachschule GLS. Besonders Englisch sei sehr begehrt, aber auch Französisch und Spanisch und immer mehr auch Türkisch und Arabisch. Als Bildungsurlaub anerkannt sind alle Intensivsprachreisen, die mindestens 30 Wochenstunden à 45 Minuten beinhalten.

Jeder Angestellte in Berlin hat pro Jahr fünf Tage Anspruch auf Bildungsurlaub. Die Tage können aber auch über zwei Jahre gesammelt werden und dann als zehn Tage am Stück genommen werden. Das empfiehlt Miriam Walter von GLS, „denn je länger eine Sprachreise dauert, desto effektiver ist sie.“ Ganz spontan in den Bildungsurlaub geht es leider nicht, denn gesetzlich ist es so geregelt, dass sich ein Arbeitnehmer spätestens sechs Wochen vor Beginn der Reise bei seinem Chef melden muss. Ablehnen kann der Arbeitgeber den Zeitpunkt lediglich bei besonders zwingenden, betrieblichen Belangen. Er muss dem Angestellten dann jedoch zu einem anderen Termin im gleichen Jahr die Möglichkeit auf Bildungsurlaub gewähren.

An den Berliner Volkshochschulen werden Bildungsurlaubsveranstaltungen zu gesundheitlichen Themen, zur berufliche Bildung und Fremdsprachenkurse angeboten. Die Volkshochschule Treptow-Köpenick hat derzeit beispielsweise über 230 Kurse in ihrem Programm, die als Bildungsurlaub anerkannt sind. „Die Nachfrage nach solchen Kursen ist ausgesprochen groß. Und durch die wachsenden Anmeldezahlen bei Bildungsurlaubsveranstaltungen können wir das Angebot weiter ausbauen,“ sagt Sigrid Höhle, Leiterin der Volkshochschule Treptow-Köpenick. Besonders gut nachgefragt sind PC-Kurse, Finanzbuchhaltungskurse und eben Sprachkurse. „Aber auch Kurse aus dem Bereich Gesundheit kommen gut an. Denn viele dieser Angebote dienen der Vorbeugung von Burnout“, sagt Sigrid Höhle. Etwa Entspannungstraining oder Yoga und Meditation.

Auch ein Kurs speziell für Eltern, Erzieher und Lehrer ist unter den Bildungsurlaubsveranstaltungen, Yoga mit Kindern. „Ziel des Kurses ist es, für sich und die Kinder etwas zu tun, Kindern einfache Yogaübungen für den Alltag zu vermitteln und ihre Körperwahrnehmung zu verbessern“, sagt Yogalehrer und Kursleiter Bernd Kaup. Die Teilnehmer lernen zum Beispiel Spiele ohne Sieger und Verlierer kennen und spielerische Atemübungen für Kinder. Die Kinderyogakurse sind so gelegt, dass sie in die Berliner Ferienzeit fallen (siehe Kasten).

Xenia Müllers Arbeitgeber hatte nichts gegen ihre Weiterbildungspläne und gab das Ok für den Bildungsurlaub. Er begrüßte das Engagement seiner Angestellten sogar. Und für sie selbst hat sich die Investition gelohnt, die Kommunikation auf Englisch geht leichter und viel flüssiger, sagt Xenia Müller. Jetzt plant sie schon den nächsten Bildungsurlaub. Dann geht es vielleicht nach Vancouver.

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