Leseraktion : Sind wir den Computern ausgeliefert?

Rivalität von Mensch und Maschine: Im Interview stellt Reinhard Karger, Sprecher des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz, streitbare Thesen auf und stellt sich bis Sonntagabend den Fragen unserer Online-Leser. Diskutieren Sie mit!

Herr Karger, wer trifft bessere Entscheidungen, der Mensch oder der Computer?

Das kommt auf die Entscheidung an. Damit zum Beispiel der Airbus A380 in der Luft bleibt, müssen Computer die ganze Zeit minimale Kurskorrekturen durchführen. Die Software dafür ist auf Echtzeitverhalten von fünf Millisekunden ausgelegt. Menschen können das nicht. Oder denken Sie an den Airbag: Wir könnten den gar nicht schnell genug auslösen, das übernehmen Sensoren. Wenn es also um extrem schnelle Reaktionszeiten geht, ist es gut, dass Maschinen das für uns übernehmen. Computer sind außerordentlich mächtige und leistungsfähige Werkzeuge, die unser Leben in vielen Situationen extrem erleichtern.

Wir erschaffen uns also mittels Computer eine Welt, der wir dann nicht mehr gewachsen sind, weil wir zum Beispiel nicht schnell genug reagieren.

Aber das ist doch schon seit der Erfindung des Fahrrads so. Beim Fahrrad betrachten wir es nicht als Problem, auch nicht beim Auto, Zug oder Düsenjet. In Wahrheit fängt das Problem aber bereits an, wenn wir uns schneller bewegen, als uns die Füße tragen. Aber wir haben als Gesellschaft bereits vor vielen Jahren gelernt, welchen Komfort, Lebensqualität und Erfahrungsmöglichkeiten wir mit Technologie haben.

Sie sehen keine Gefahr darin, dass der Computer praktisch alles steuert?

Die digitale Informationsverarbeitung ist nur eine mögliche Form der Verarbeitung von Informationen. Wenn ich mit dem Segelboot unterwegs wäre, hätte ich gern neben dem GPS einen magnetischen Kompass. Je mehr wir uns darauf verlassen, dass allein der Computer alles entscheidet, um so verletzlicher machen wir uns. Wir müssen also darauf achten, dass es redundante Systeme gibt, die nicht beide computergesteuert sind.

Sie arbeiten am Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz. Wie intelligent sind denn Computer wirklich?

Intelligenz bedeutet, die Maschinen werden leistungsfähiger. Durch bessere Spracherkennung und bessere Bildverarbeitung können sie uns dabei unterstützen, unsere kreativen Ziele zu erreichen. Aber der Unterschied zwischen Mensch und Maschine liegt nicht darin, dass Menschen schlauer sind. Es geht um Bewusstsein – und Computer haben keinerlei Bewusstsein. Egal wie lange sie daran arbeiten, Computer werden wohl nie das besitzen, was wir Alltagsintelligenz nennen. Maschinen wird es nicht gelingen, Blicke zu deuten oder Sprachmelodien zu verstehen. Eine Frau erkennt leicht, wenn ihr Mann lügt – auch ohne Lügendetektor. Computer können das nicht.

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