Wirtschaft : Letzte Chance für die Rente mit 65

Für viele ältere Beschäftigte gibt es noch ein Schlupfloch – die Altersteilzeit. Rentenversicherer erleben einen „regelrechten Run“

Heike Jahberg

Berlin - Kurz vor Jahresende versuchen viele ältere Arbeitnehmer, sich noch auf den letzten Drücker in die Altersteilzeit zu retten und so der Rente mit 67 zu entkommen. Wer vor 1955 geboren ist und mit seinem Arbeitgeber noch in diesem Jahr einen Altersteilzeitvertrag abschließt, kann weiterhin mit 65 Jahren in Rente gehen – ohne Abschläge in Kauf nehmen zu müssen. Eigentlich wollte die Regierung dieses Schlupfloch zum 29. November schließen. Auf Wunsch der Fraktionen wurde die Frist jedoch bis zum 31. Dezember dieses Jahres verlängert.

In den Beratungsstellen der Rentenversicherer ist seitdem der Teufel los. Von einem „regelrechten Run“ berichtet die Deutsche Rentenversicherung (DRV). „Etwa 50 Prozent aller Terminnachfragen, die heute in unserer Beratungsstelle in Wilmersdorf eingingen, hingen mit dem Thema Altersteilzeit zusammen“, berichtet Walter Glanz von der DRV. „Viele Betriebe möchten die Vereinbarungen offensichtlich noch vor den Weihnachtsfeiertagen erledigen.“

Das gilt auch für Rainer Schmittke. Der Essener Verwaltungsbeamte ist 52 Jahre alt und kann daher von der Vertrauensschutzregelung Gebrauch machen. „Ich habe keine Lust, länger zu arbeiten als bis 65“, sagt er. Doch das müsste er, wenn die Rente mit 67 – wie geplant im Frühjahr – beschlossen wird. Regulär könnte Schmittke, Jahrgang 54, dann erst mit 65 Jahren und acht Monaten seinen Schreibtisch räumen, wenn er keine Abschläge bei seiner Pension hinnehmen will.

Die Altersteilzeit ist seine Rettung. Wer noch in diesem Jahr eine entsprechende Vereinbarung mit seinem Arbeitgeber trifft, kann weiterhin mit 65 abschlagsfrei in Altersrente gehen. Wer mit 63 Jahren aussteigt, muss Abzüge von 7,2 Prozent hinnehmen. 10,8 Prozent sind es, wenn man schon mit 62 Jahren aus dem Erwerbsleben ausscheidet. Das gilt für den öffentlichen Dienst genauso wie für die Privatwirtschaft.

Kein Wunder, dass viele Ältere versuchen, die Gelegenheit beim Schopf zu greifen. Beispiel Vivantes: „Seit Bekanntwerden des Gesetzentwurfs zur Anhebung der Altersgrenzen werden von den Arbeitnehmern bei Vivantes deutlich mehr Anträge auf Altersteilzeit eingereicht“, berichtet der Sprecher des landeseigenen Berliner Klinikbetreibers, Uwe Dolderer. „Das gestiegene Interesse an Altersteilzeit zieht sich durch alle Berufsgruppen – vom Pflegepersonal über Ärzte bis hin zu Verwaltungskräften“, sagt Dolderer.

Bundessozialminister Franz Müntefering (SPD), der die Deutschen eigentlich lieber länger als kürzer arbeiten lassen möchte, kann mit dieser Entwicklung leben. „Es geht nur um die Menschen, die in den Jahren 1952, 1953 oder 1954 geboren sind. Nur diese genießen jetzt noch den Vertrauensschutz für die Rente mit 65“, betont ein Ministeriumssprecher. Das lasse sich verkraften.

Wer die Frist verpasst, kann auch im neuen Jahr noch einen Antrag stellen. Allerdings ist dann nicht mehr der nahtlose Übergang von der Altersteilzeit in die Rente gewährleistet. Wer im nächsten Januar Altersteilzeit vereinbart, kann erst einen Monat später in Rente gehen, oder er muss einen Abschlag von 0,3 Prozent hinnehmen – dieser Abschlag bleibt jedoch während der gesamten Rentendauer bestehen. Endgültig auslaufen soll die Altersteilzeit im Jahr 2009. Dann soll es keine neuen Vereinbarungen mehr geben.

Die Gewerkschaften wittern jedoch bereits Morgenluft. Sie fordern eine Verlängerung. „Wir brauchen auch in Zukunft Möglichkeiten, um den Beschäftigten einen vorzeitigen Ausstieg zu ermöglichen“, sagt Jörg Hofmann, Bezirksleiter der IG Metall in Baden-Württemberg. Doch darauf dürfte sich Franz Müntefering nicht einlassen: „2009 ist Schluss“, betont sein Sprecher.

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