Wirtschaft : Letzte Chance für ehemalige Vulkan-Werften

ANDREAS FROST

Deutsche Reeder wollen Wismarer Schiffbau erhalten / Zittern vor neuerlichem Fehlschlag bei PrivatisierungVON ANDREAS FROST SCHWERIN.Rund ein Drittel der jährlichen bundesdeutschen zivilen Schiffbaukapazität ist zwischen Wismar und dem vorpommerschen Wolgast zu finden.1996 wurde jeder vierte deutsche Schiffsneubau in Mecklenburg-Vorpommern ausgeliefert.54 000 Menschen arbeiteten 1990 noch in den DDR-Schiffbaubetrieben, im Kernbereich waren es etwa 34 000 Werftarbeiter.Sieben Jahre danach sind in Wismar, Rostock, Stralsund und Wolgast noch etwa 6000 Schiffbauer tätig.Bis Ende 1998 wird der Bund und zu einem geringen Teil auch das Land Mecklenburg-Vorpommern in den Erhalt und die Modernisierung der ostdeutschen Werften gesteckt haben. Über die Zukunft zweier Werften wird allerdings in den nächsten Wochen erst erneut entschieden.Die Meerestechnikwerft (MTW) in Wismar und die Stralsunder Volkswerft waren nach dem Konkurs des Bremer Vulkan Verbundes (BVV) im Mai 1996 von der Treuhandnachfolgerin BvS und dem Land Mecklenburg-Vorpommern übernommen worden.Offiziell ist zwar Stillschweigen vereinbart worden, aber hinter den Kulissen wird zwischen Schwerin und Berlin vor allem über die zweite Privatisierung der MTW gestritten.Die Zulieferer der MTW befürchten "das Ende des Schiffbaus", wenn die Werft an die norwegische Ulltveit-Moe-Gruppe verkauft wird.Die Schweriner Politiker sind alarmiert.Schließlich entzündeten sich 1992 und 1996 zwei Regierungskrisen am Thema Werften.Einen zweiten Fehlschlag nach dem Vulkan-Debakel kann das Land sich nicht leisten. Mit Milliardenaufwand sind beide Werften mit heute je rund 1400 Beschäftigten saniert worden.Beide verfügen inzwischen über eine riesige Schiffbauhalle, die eine wetterunabhängige Fertigung ermöglichen.Die Auftragsbücher sind nach Angaben der Werften jeweils noch über Jahr lang gefüllt.Um die MTW bewirbt sich außer Ulltveit-Moe nachdem die Investmentbanker von Goldman Sachs über ein Jahr weltweit nach Kunden gesucht haben nur noch ein Konsortium, das zu gleichen Teilen aus der auf Zypern ansässigen Schoeller Holdings Ltd.des Hamburger Reeders Heinrich Schoeller, dem Hamburger Emmissionshaus Nordeutsche Vermögen, der bei München ansässigen Conti-Reederei und einer Gruppe aus fünf MTW-Managern um Geschäftsführer Oswald Müller besteht. Offiziell sind die Konzepte beider Bewerber kaum bekannt.Ulltveit-Moe will allerdings verstärkt im Off-Shore-Bereich aktiv werden und in Wismar auch Segmente für Bohrinseln bauen.Die Norweger sollen zudem über 100 Mill.DM für die Wismarer Werft geboten haben, während das Konsortium bislang nur rund zehn Mill.DM zu zahlen bereit sein soll.Beide Bewerber sind zudem an der Elbewerft Boizenburg interessiert, die sich seit Dezember in Gesamtvollstreckung befindet.Für die Schweriner Landesregierung ist dies ein Argument von Gewicht, geht es doch um bis zu 200 Arbeitsplätze und 22 000 CGT (sogenannte gewichtete Schiffbaueinheiten), die dem Land als Industriekapazität verloren zu gehen drohen. Die BvS tendierte bislang offenbar zu einem schnellen Verkauf an die Norweger, heißt es intern.Auch Schwerins Wirtschaftsminister Jürgen Seidel (CDU) soll Vorteile im Konzept der Norweger entdeckt haben.Die Unternehmensberatungsfirma Roland Berger hat nach Informationen des Tagesspiegels beide Angebote geprüft und in einer ersten Stellungnahme im Ulltveit-Konzept eher die Sicherheit erkannt, daß in Wismar langfristig Schiffbau möglich sein wird. Doch die Schweriner Staatskanzlei hat Seidel und BvS inzwischen zurückgepfiffen.Ohne Zustimmung des Koalitionspartners SPD soll nichts entschieden werden.Und SPD-Fraktionschef Harald Ringstorff warnt lautstark "vor Schnellschüssen".Bund und BvS seien eher an der aktuellen Kassenlage interessiert, mutmaßte er unlängst.Außerdem sei einseitig nur mit den Norwegern verhandelt worden.Und die Zulieferindustrie rund um Wismar stellt sich hinter Schoeller und Müller.Das Konsortium würde schließlich Handels- und Spezialschiffbau garantieren, was eine größere Produktionstiefe biete als Stahlbau für Ölplattformen.Bernd Kortüm von der Norddeutschen Vermögen warb gestern auf einer Veranstaltung der Industrie- und Handelskammer zu Schwerin für sein Kauf-Anliegen. Die Investorengruppe habe große Erfahrungen in Reederei, Charter, Bau und vor allem bei der immer schwieriger werdenden Finanzierung von Schiffen und komme auf einen Jahresumsatz von 2,2 Mrd.DM.1164 Arbeitsplätze auf der Wismarer Werft und 665 zusätzliche im Umfeld wolle man sichern.Das Konsortium sei sogar bereit, durch eigene Schiffbauaufträge die MTW bis Ende 2000 auszulasten.In welcher Gesellschaftsform und damit mit welcher Haftung das Konsortium die Werft kaufen wolle, stehe aber noch nicht fest, so Kortüm.Oswald Müller, als MTW-Geschäftsführer noch Angestellter des Verkäufers (also Bund und Land), zielte als Mit-Kaufinteressent allerdings auch gegen Ulltveit-Moe.Die Norweger hätten ihr Konzept von jenem des Konsortiums abgeschrieben, hätten gar kein eigenes, so Müller.Ulltveit-Moe hat am heutigen Dienstag die Chance, sein Konzept vorzustellen.Letztendlich müssen sich BvS und die Schweriner Landesregierung aber einig werden und dann noch den Landtag von Mecklenburg-Vorpommern überzeugen. Unkomplizierter dürfte der Verkauf der Volkswerft in Stralsund über die Bühne gehen.Einziger Interessent ist der dänische A.P.-Möller-Konzern, der mit der Maersk-Linie auch eine der weltgrößten Containerdienste betreibt.Der Einstieg der Dänen in den deutschen Schiffbau könnte für die gesamte Werftindustrie Vorteile bringen, vermuten Experten.Denn bislang hatte Dänemark immer peinlich genau darauf geachtet, daß die Werften in Mecklenburg-Vorpommern nicht eine CGT mehr produziert, als jene 327 000, die von der Europäischen Kommission genehmigt sind.Jedoch galten bislang Containerschiffe - die sich Möller dann quasi selbst bauen könnte - als wenig Gewinnträchtig.Die Werft sah ihr Chance im Spezialschiffbau.

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