Wirtschaft : Letzte Phase der Privatisierung der Berliner Wasserbetriebe

ANDREAS MIHM (HB)

BERLIN .Mit einem Paukenschlag hat die letzte Runde im Bieterverfahren um knapp die Hälfte der Berliner Wasserbetriebe (BWB) begonnen.Zur offenkundigen Verärgerung des französischen Partners Suez Lyonnaise des Eaux ist die Thyssen Handelsunion AG kurz vor der Abgabe einer verbindlichen Offerte aus dem Konsortium ausgestiegen.Damit ist die Zahl der ernsthaften Bieter weiter geschrumpft: Neben Suez, die alleine für die 49,9 Prozent an den BWB bieten, bewerben sich nun noch der zweite französische Wassergigant Vivendi im Konsortium mit der RWE Umwelt AG sowie die amerikanische Enron und die Veba-Tochter Preussenelektra um den Einstieg in den Berliner Wassermarkt.

Dem kommt eine erheblich größere Bedeutung zu, als dies bei erstem Hinsehen zu erwarten ist.Denn der Teilverkauf der BWB dürfte nach den in den vergangenen Jahren eher zaghaft angelaufenen Privatisierungen eine Art Initialzündung für die fragmentierte deutsche Wasserwirtschaft werden.Er wird auch klären, ob weiterhin vor allem zwei französische Konzerne das weltweit wachsende Wasser-Geschäft beherrschen.

Der Blick auf die Struktur der deutschen Wasserwirtschaft macht auf einen Schlag klar, warum die hiesige Wasserwirtschaft - mit Ausnahme der BWB - international keine Rolle spielt: Knapp 7000 Wasserbetriebe sorgen hierzulande für reibungslose Gewinnung, Transport und Klärung von Trink- und Abwasser.Auch wenn etwa jeder zweite Betrieb eine privatrechtliche Form hat, so liegt das Eigentum fast ausschließlich bei der öffentlichen Hand.Statistiken des Bundesverbands der deutschen Gas- und Wasserwirtschaft (BGW) zeigen, daß nur rund drei Prozent der Trinkwasserversorgung von rein privatwirtschaftlichen Anbietern kommt.Beim Abwasser, das bisher als hoheitliche Aufgabe galt und für das es erst ansatzweise rechtlichen Voraussetzungen für eine Privatisierung gibt, ist der Anteil kaum meßbar.

Anders das Bild bei den großen europäischen Nachbarn: In Frankreicht sind 700 Wasserunternehmen aktiv.Aber es sind mit Vivendi, Suez Lyonnaise des Eaux und Sauer gerade einmal drei große Privatfirmen die 70 Prozent der französischen Trinkwasserversorgung und 40 Prozent der Abwasserentsorgung erledigen.Die Bevölkerung in Großbritannien wird von knapp zwei Dutzend privaten Firmen versorgt.Allein in Berlin dürfte der Senat für den Teilverkauf seiner BWB weit mehr als zwei Mrd.DM erzielen.Die kommunalen Eigentümer würden diese Privatisierung deshalb auch mit weitaus größerer Aufmerksamkeit verfolgen, als die bisherigen Privatisierung in Rostock (1992), Potsdam (1997) und Bremen (1998) sowie der Haarwasserwerke (1996), hieß es auf der gestern beendeten BGW-Jahrestagung in Rostock.Auf dieses Interesse stellen sich die großen Energiekonzerne ein.So gab Veba-Chef Ulrich Hartmann erst kürzlich zu Protokoll: "Strom, Gas - und vielleicht auch Wasser - gehören zusammen." Einen ersten Schritt dazu hat die Veba-Tochter Preussenelektra über ihre Beteiligung Gelsenwasser bereits getan.Weitere sollen nun folgen.

Die Interessenlage der beteiligten Bieter ist durchaus unterschiedlich.Den französischen Konzernen, die wechselseitig ihre weltweite Marktführerschaft behaupten, dürfte vor allem an deren Absicherung gelegen sein.Sie müßten so verhindern, daß andere Bieter zum Zuge kämen.Zudem sind sie sich bei Privatisierungen in Osteuropa verschiedentlich mit den BWB in die Quere gekommen, was die Kaufpreise für dortige Beteiligungen deutlich beeinflußt haben soll.Mit der Übernahme der BWB wäre ein Konkurrent vom Markt genommen.Mindestens ebenso stark an einer Beteiligung sind die Bieter interessiert, für die die BWB den endgültigen Eintritt in das weltweite Wassergeschäft bedeuten würden.Azurix, die Wasser-Tochter des US-Energiekonzerns Enron, hatte sich etwa bei der Offerte für die Wasserversorgung der brasilianischen Metropole Rio de Janeiro 1998 mit den BWB verbündet.Denn die Weltbank, die das inzwischen verschobene Projekt kostengünstig finanzieren will, hatte nur Bewerber zugelassen, die Erfahrung im Wassergeschäft mit Metropolen von mehr als drei Millionen Menschen nachweisen konnten.

Das alles spricht dafür, daß die Berliner Finanzsenatorin schon jetzt von einem gehörigen Zuschlag auf ihre Zwei-Milliarden-Forderung ausgehen kann.Thyssen begründete den urplötzlichen Ausstieg aus dem Bieterverfahren übrigens damit, daß die internen Renditevorgaben des Konzerns bei einem Berliner Engagement nicht mehr in entsprechender Frist erreicht werden könnten.

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