Wirtschaft : Letzte Spuren eines großen Namens

Der Mannesmann-Prozess geht zu Ende – heute bestehen nur noch Teile des einstigen Weltkonzerns

Arvid Kaiser

Düsseldorf - Wenn das Düsseldorfer Landgericht heute das Kapitel Mannesmann-Prozess schließt, wird außer Josef Ackermann und seinen Mitangeklagten auch die Chefetage des Stahlkonzerns Salzgitter erleichtert aufatmen. Schließlich setzt das Unternehmen darauf, den traditionsreichen Namen „weiterzuführen und zu stärken“. Das sagt Norbert Fischer, Sprecher der Salzgitter-Tochter Mannesmannröhren-Werke GmbH, der noch zehn weitere Unternehmen mit Mannesmann als Namensbestandteil gehören. Mannesmann stehe weltweit für solide Stahlröhren – „na ja, und jetzt auch für den Mannesmann-Prozess“, räumt Fischer ein.

Der Prozess ließ die Erinnerung an das legendäre Industrieunternehmen wieder aufleben, dessen Vermögen laut Anklage bei der Abwicklung veruntreut wurde. Hintergrund war der Verkauf an die britische Mobilfunkfirma Vodafone, die nach der Rekordübernahme des Düsseldorfer Konzerns im Jahr 2000 alles abstieß, was nichts mit Telekommunikation zu tun hatten. Denn auf dem Höhepunkt der Börsenblase um die New Economy war Mobilfunk angesagt. Stahl, Mannesmanns Kerngeschäft, galt als Problembranche – Old Economy, weg damit.

Im Prozess hörte man noch das wehmütige Lamento: „Weltweit waren Mannesmann und Stahl ein Begriff“, ließ sich Ex-IG-Metall-Chef Klaus Zwickel ein. „Mannesmann gehörte weltweit zu den wertvollsten Unternehmen“, sagte der langjährige Konzernchef Joachim Funk. Dass ausgerechnet die Straße am Vodafone-Deutschlandsitz noch „Mannesmannufer“ heißt, kann ebenfalls unter Nostalgie verbucht werden.

Doch für den Salzgitter-Konzern, der damals die Röhrenwerke übernahm, zählt nur der Blick nach vorn. Norbert Fischer sieht seine Firma heute als Gewinner: „Stahlröhren sind ein Boomgeschäft“, dank der Rohstoffhausse und der wachsenden Nachfrage nach Pipelines. Der Firmenname sei von Nordamerika bis Asien ein Türöffner, weil die Methode der Gründer Max und Reinhard Mannesmann zur Herstellung nahtloser Stahlröhren sich bis heute bewährt habe.

Ebenfalls auf den guten Namen setzt die französische Gesellschaft Vallourec & Mannesmann Tubes, die einen anderen Teil des Mannesmann-Röhrengeschäfts übernommen hat. In dem Unternehmen, nach eigenen Angaben Weltmarktführer für nahtlose Stahlrohre, ist heute Jürgen Ladberg Betriebsratschef, genau wie früher bei der Mannesmann AG. Er ist der einzige der sechs Angeklagten im Prozess, der noch heute für Mannesmann arbeitet.

Zu den Großen seiner Branche zählt Mannesmann Plastics Machinery, ein Unternehmen, das Maschinen zur Kunststoffverarbeitung herstellt. Die Firma wurde erst im Juni selbstständig, als der Investor KKR die ebenfalls aus dem Besitz der Mannesmann AG hervorgegangene Demag Holding auflöste und deren wichtigsten Teil, den Kranbauer Demag Cranes, an die Börse brachte. Zwischenzeitlich hatte Demag zu Siemens gehört. Unter dem Dach des Elektrokonzerns arbeitet weiter ein großer Teil der früheren Mannesmann-Beschäftigten, vor allem in der Autozuliefersparte Siemens VDO Automotive. Ähnlich wie bei Bosch und ZF Friedrichshafen, die ebenfalls Mannesmann-Sparten kauften, ist die frühere Verbundenheit mit dem Röhrenkonzern aus dem Namen getilgt. Den vereinbarten Plan, all diese Firmenteile als eigenständiges Unternehmen „Atecs Mannesmann“ an die Börse zu bringen, hatte Vodafone nach der Übernahme fallen gelassen.

Mehr als eine Episode ist der Name für zwei sehr viel kleinere Unternehmen, die auf die Fabrikantenfamilie Mannesmann zurückgehen, aber nie Teil der Mannesmann AG waren: Die Remscheider A. Mannesmann Maschinenfabrik GmbH gibt als Gründungsdatum 1796 an. Dort nahm der Weltkonzern Mannesmann seinen Ursprung. Die Brüder Mannesmann AG, die mit Werkzeugen und Armaturen handelt, sitzt in der historischen Familienvilla in Remscheid. Das seit 1996 an der Börse notierte Unternehmen hält Anlegern zudem in Erinnerung, dass man auch Mannesmann-Aktien kaufen kann.

In der Vodafone-Chefetage wird man das wohl nie vergessen. Der Konzern verbucht seit Jahren in Europa enorme Verluste, hauptsächlich wegen Abschreibungen auf den Wert der deutschen Tochter (also die Mannesmann-Telefonsparte). Das sehr liquide Unternehmen ist zwar deshalb nicht in Gefahr – es spürt aber jeden Tag, dass es das Potenzial der New Economy überschätzt hat.

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