Wirtschaft : Letztes Aufbäumen der Bauleute

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Von Alfons frese

Historisch darf man ihn schon nennen, den Arbeitskampf auf dem Bau, der am 17. Juni 2002 beginnt. Aber auch nur deshalb, weil es der erste große Streik der Bauleute nach dem Krieg ist. Eine andere historische Analogie, nämlich die zum Arbeiteraufstand am 17. Juni 1953, wie sie der Chef der Baugewerkschaft gezogen hat, ist dagegen ziemlich abwegig. In einer Diktatur für mehr Freiheit auf die Straße zu gehen oder in einer sozialen Marktwirtschaft für mehr Geld legal die Arbeit niederzulegen – das ist unvergleichbar. Der IG-Bau-Vorsitzende Klaus Wiesehügel hat sich zu dem Vergleich hinreißen lassen, weil die Arbeitgeber „mit ihrem Lohndiktat und Dumpinglöhnen Ost gegen West ausspielen und uns wieder spalten wollen“. Das ist harter Tobak. Richtig ist, dass eine Tarifeinigung bislang vor allem am Streit der Arbeitgeber gescheitert ist. Die ostdeutschen Bauunternehmen wehren sich gegen eine Erhöhung der Mindestlöhne, die Westunternehmen befürchten wiederum, von den kostengünstigeren Ostbetrieben unterboten zu werden. Dabei stehen die Ostfirmen, die wirklich Mindestlöhne bezahlen, ihrerseits unter dem Druck der Betriebe, die keinem Arbeitgeberverband angehören und noch weniger als den Mindestlohn zahlen. Alles in allem ist die ostdeutsche Bauwirtschaft in Folge der mehrjährigen Krise zu einer mehr oder weniger tariffreien Zone geworden. In ganz Deutschland sind seit 1995 eine halbe Million Arbeitsplätze auf dem Bau gestrichen worden, Tausende Firmen sind vom Markt verschwunden. Und das Ende der Krise ist nicht in Sicht. Ein Streik in dieser Situation ist wie das letzte Aufbäumen eines schon schwer verprügelten Boxers, bevor er endgültig in den Seilen hängt.

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