Lidl : Erfolg: Bahn verkauft eine Million Billig-Tickets

Supermarktkassen als Fahrkartenschalter: Mit dem Verkauf von über einer Million Billigtickets für 49,90 Euro hat die Bahn am Donnerstag einen Ansturm auf den Discounter Lidl ausgelöst.

Berlin (19.05.2005, 18:13 Uhr) - In vielen der bundesweit 2600 Filialen waren die Fahrscheine schon nach einer Stunde ausverkauft. Die meisten Kunden gingen leer aus. Laut Bahn soll die Aktion aber trotz des Erfolgs eine Ausnahme bleiben. Verbraucherschützer kritisierten den ursprünglich bis zum 28. Mai geplanten Sonderverkauf als «Lockvogel-Angebot». Im Internet wurden die ersten Tickets bereits drei Mal so teuer weiter verkauft.

Der Andrang für die Hefte mit je zwei Tickets für beliebig weite Fahrten innerhalb Deutschlands bis zum 3. Oktober war enorm. Vor allem in großen Städten bildeten sich schon vor der regulären Öffnungszeit um 8.00 Uhr lange Schlangen vor Filialen. Einige öffneten deshalb früher und richteten Zusatzkassen ein. Trotzdem kam es zu erheblichem Unmut unter enttäuschten Kunden, da die Tickets mancherorts schon nach wenigen Minuten vergriffen waren. Kinder bis sechs Jahre können kostenlos mitfahren. Für Nachtzüge und die ICE- Sprinter ist ein Aufpreis nötig.

Mit der Aktion wollte die Bahn vor allem Kunden ansprechen, die sonst nicht Zug fahren. Dem Fernverkehr mit ICE und Intercity macht erhebliche Konkurrenz der Billigflieger zu schaffen. An einem normalen Tag verkauft die Bahn sonst 320 000 Ferntickets. Der Versuch eines Reisebüros, die auf Lidl beschränkte Aktion per einstweiliger Verfügung vor dem Landgericht Frankfurt/Main zu stoppen, blieb erfolglos. Der Deutsche Reisebüro- und Reiseveranstalterverband sieht darin eine Diskriminierung der 3200 Reisebüros mit Bahnlizenz.

Die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen kritisierte, bei der Aktion liege irreführende Werbung vor, da das Kontingent meist schon nach wenigen Minuten ausverkauft gewesen sei. Die Bahn und Lidl müssten weitere Billigtickets zur Verfügung stellen. Die Zentrale zur Bekämpfung unlauteren Wettbewerbs richtete sich auf Beschwerden ein. Auch Sonderangebote müssten längere Zeit zu haben sein.

Kunden, die leer ausgingen, konnten sich in vielen Filialen mit Adresse und Telefonnummer in Listen eintragen. Das Personal versprach, dass auf jeden Fall Karten nachgeliefert würden. Auf den Anruf warteten viele aber zunächst vergebens. Die Verbraucherzentrale Baden-Württemberg riet davon ab, die Adresse zu hinterlassen. Solange Lidl nicht klar zusichere, Tickets binnen einer Frist nachzuliefern, bestehe die Gefahr, dass die Adresse zu Werbezwecken genutzt oder weiterverkauft werde. Lidl-Geschäftsführer Gerd Chrzanowski sagte der Tageszeitung «Die Welt» (Freitag): «Wir versuchen, bei der Bahn noch Tickets für diese Kunden zu bekommen.» Lidl sei zudem interessiert an einer Neuauflage des Angebots.

Die Bahn plant dagegen vorerst keine weiteren Billig-Tickets beim Discounter. Auch Lidl werde keine weiteren Fahrscheine zur Verfügung gestellt bekommen, sagte Bahnsprecher Gunnar Meyer. Bereits im Juli wolle die Bahn aber «andere attraktive Sonderangebote» über die üblichen Vertriebswege auf den Markt bringen. Verbraucherschützer forderten, auch am Schalter Billigfahrscheine anzubieten. «Die enorme Nachfrage zeigt, dass das normale Preissystem nicht in Ordnung ist», sagte der Verkehrsexperte der Stiftung Warentest, Michael Koswig.

Im Internet wurden bereits mehrere hundert Billig-Fahrkarten zum Weiterverkauf angeboten. Die Preise für ein Einzelticket (bei Lidl: 24,95 Euro) reichten bis über 75 Euro. Das Internet-Auktionshaus eBay kündigte an, nichts gegen den Weiterverkauf zu unternehmen. Die Bahn teilte mit, darüber mit eBay sprechen zu wollen. In den Allgemeinen Geschäftsbedingungen der Bahn ist der Weiterverkauf verboten. (tso)

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