Wirtschaft : Lieferant der Gourmets vor dem Aus

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Berlin Der Rungis-Express, der wichtigste Lieferant der deutschen Spitzengastronomie, kämpft um seine Existenz. Verkaufsmitarbeiter haben vielen Kunden auch in Berlin mitgeteilt, dass die Lieferung vom Mittwoch vorerst die letzte gewesen sei. Geschäftsführer George Kastner bestätigte lediglich, man stecke in einer „wirtschaftlich schwierigen Situation“, wolle die Liefertätigkeit aber fortsetzen. Gerüchte über die Schieflage des Unternehmens gibt es seit geraumer Zeit; Grund der aktuellen Krise ist offenbar die Kündigung der Kreditlinie durch die Commerzbank. Dies würde bedeuten, dass nur noch Lagerware ausgeliefert werden kann – die aber gibt es kaum, denn der Rungis-Express konzentriert sich ganz auf Frischprodukte.

Die Firma mit Sitz in Bonn-Meckenheim beschäftigt 480 Mitarbeiter und versorgt 2500 Betriebe, überwiegend in Deutschland, aber auch im Ausland bis hin nach Dubai. In Berlin gibt es eine Filiale. Größter Berliner Kunde ist das KaDeWe, das überwiegend Fleischspezialitäten und Geflügel abnimmt. Geschäftsführer Norbert Könnecke sagte am Mittwoch, ein eventueller Lieferstop würde dem Kaufhaus einige Probleme bereiten, allerdings nur kurzfristig: „Bestimmte Produkte wie Kapaune gibt es nur dort“.

Die Top-Köche der Stadt haben sich zugunsten regionaler Lieferanten überwiegend längst aus der früheren Totalabhängigkeit vom Rungis-Express gelöst. Kolja Kleeberg vom „Vau“ schätzt, dass nur etwa fünf Prozent seiner Ware von dort stammen: „ Bei Enten könnte es schwer werden.“ Größere Probleme gibt es dort, wo der Rungis-Express bislang ohne Konkurrenz war. Ralf Kutzner, Direktor der Dresdner „Bülow-Residenz“, bezieht die Hälfte seiner Ware aus Meckenheim. Er sieht sich bereits intensiv nach Alternativen um.

Die meisten Insider erwarten aber keinen völligen Zusammenbruch des Liefernetzes. Als möglicher Käufer wird die Oetker-Gruppe genannt, die Rungis mit ihrem „Frischeparadies“ (in Berlin: Lindenberg) scharfe Konkurrenz macht. Es gab bereits Verkaufsverhandlungen, die aber dem Vernehmen nach daran scheiterten, dass Kastner die Firma nicht verlassen wollte. Es gilt nun als wahrscheinlich, dass Oetker den Eintritt der Insolvenz abwartet und dann sofort zugreift, um die Kunden nicht zu verlieren. bm

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